
Advertise on podcast: Blattgold. Der Schweizer Buchpodcast
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52 episodes
Language
EnglishPublisher
Blattgold. Der Schweizer BuchpodcastExplicit
No
Date created
2020/10/17
Latest episode
2026/04/13
Average duration
45 min.
Release period
56 days
Description
Willkommen zu 'Blattgold', dem Schweizer Buchpodcast der Universität Zürich. Einmal monatlich gibt es hier aktuelle Literaturkritik, Interviews mit Autorinnen und Autoren oder thematische Sendungen rund ums Thema Literatur. Moderation: Salomé Meier
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Blattgold #52: Hayat Erdoğan – Hauptsache kein Zeitgeist
2026/04/13
In dieser Folge spreche ich mit der Dramaturgin, Kuratorin und Autorin Hayat Erdoğan über ihren Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen 2026).
Der Roman spielt an einem einzigen Tag. Am 6. Februar 2023 erschüttert ein Erdbeben den Südosten der Türkei und den Norden Syriens. Zehntausende Menschen sterben, Hunderttausende werden verletzt.
Die Geschichte beginnt aber nicht mit diesem unheilvollen Ereignis, sondern am Morgen danach, als die ersten Nachrichten aus dem Katastrophengebiet zur Erzählerin nach Zürich schwappen. Die Geschichte erstreckt sich über die nächsten 24 Stunden – jeder Stunde ist ein Kapitel gewidmet –, 24 Stunden, in denen die Katastrophe langsam beginnt, Realität anzunehmen, in dem Nicht-Verstehen erst Ohnmacht und Ohnmacht einer Trauer weicht, die tiefer greift, und dabei auch Verschüttetes anderer Art an die Oberfläche befördert – eigene schmerzhafte Erinnerungsschichten freilegt.
Als Dramaturgin und ehemalige Co-Leiterin des Theater Neumarkts beherrscht Hayat Erdogan die szenisch-dramatische Zuspitzung, als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin kennt sie die Theorien, die Macht-, Identitäts- und Erinnerungsdiskurse, und auch die Narrative um solche Naturkatastrophen, für die in Vergangenheit immer wieder religiöse, politische, mythische Erklärungen gefunden wurden.
In ihrem Debütroman interessiert Hayat Erdoğan jedoch vor allem eine Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn das vermeintlich feste Terrain ins Wanken gerät?
«Hauptsache kein Zeitgeist» ist ein kluges, zartes und zugleich politisches Buch. Ein Buch über Erinnerung und Zugehörigkeit. Über Sprache als Halt – und als Bruchstelle. Und über Trauer, persönliche und kollektive, und die Frage, wie Trauer uns verbinden kann.
Die folgende Aufnahme entstand Anfang März im Cabaret Voltaire in Zürich.
Schnitt: Okan Yilmaz
Foto © Nils Lucas
Musik: Haftbefehl – 'Odyssee'
Blattgold #51: Ozan Zakariya Keskinkilic – Hundesohn
2026/03/10
„Werden, was du liebst, das muss das Geheimnis sein. Keine Angst mehr zu haben vor dem, was du begehrst, wenn es verschwindet.“
In der 51. Folge von Blattgold spricht Okan Yilmaz mit Ozan Zakariya Keskinkılıç über dessen Debütroman "Hundesohn". Gemeinsam sprachen sie im Zürcher Kaufleuten darüber, wie Codeswitching zu einem literarischen Werkzeug werden kann, über die körperliche Dimension von Sprache und darüber, was geschieht, wenn Wörter Erinnerungen, Begehren und Herkunft zugleich in sich tragen. Ihr Gespräch führte sie zu Fragen nach Sehnsucht und Projektion, nach den Geschichten, die über Liebe erzählen, und nach dem rituellen Ton, der den Roman wie eine Litanei beschwört und zugleich unterläuft.
Redaktion und Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Sezen Aksu – 'Her Şeyi Yak'
Foto © Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag
Blattgold #50: Daniel Mezger – Bevor ich alt werde
2025/11/05
In dieser Folge von Blattgold spreche ich mit Daniel Mezger über seinen neuen Roman "Bevor ich alt werde" (atlantis, 2025) – ein ebenso zarter wie kluger Text über Musik und Jugend, über eine latent lauernde Krankheit und über die Frage, wie wir leben wollen, angesichts der eigenen Endlichkeit.
Was beginnt wie ein nostalgischer Indie Coming-of-Age-Roman, wird bald zum vielschichtigen Psychogramm einer Frau, Charlotte, deren Leben von einer Erbkrankheit namens Morbus Jackson untergründig beherrscht wird. Dieser Erbkrankheit ist die Großmutter zum Opfer gefallen, die Mutter zeigt Symptome, bevor sie bei einem Autounfall stirbt, möglicherweise war es ein Suizid.
Charlotte spricht nur widerwillig über die Krankheit. In ihrem Leben geht es eher um ihre (schwindende) Karriere als Indie-Musikerin, Partys, Tourneen, Liebesgeschichten. Hinter Charlottes Coolness wird jedoch zunehmend ihre Angst sichtbar: vor dem Altwerden, vor der möglicherweise ererbten Krankheit, die ihr die Zukunft verstellt – Beziehungen, Kinder, Lebenspläne.
Diese Folge ist eine Kooperation mit dem Literaturkritikmagazin VOLLTEXT, das seit diesem Monat auch dezidiert Schweizer Literatur abdeckt – mit klugen Rezensionen von Literaturwissenschaftler:innen, einem monatlichen Literaturkalender, sowie literarischen Beiträgen und Leseproben von Autor:innen wie Ilma Rakusa, Martin R. Dean und Nora Gomringer.
Mehr unter www.volltext.net.
Moderation und Schnitt: Salomé Meier
Musik: Feist – I feel it all
Bild: © Ayse Yavas
Blattgold #49: Çiğdem Akyol – Geliebte Mutter. Canim Annem
2025/10/01
Çiğdem Akyol – Geliebte Mutter. Canim Annem
Was schulden Kinder eigentlich ihren Eltern? Und wie viel sollten Kinder ihren Eltern verzeihen, die selbst Opfer ihrer Verhältnisse waren? In dieser Folge von Blattgold spricht mein Kollege Okan Yilmaz mit der Journalistin und Autorin Çiğdem Akyol – bekannt durch ihre Erdogan-Biografie – über ihren ersten Roman Geliebte Mutter. Canim Annem. Ein Gespräch über Mutter-Tochter-Bindungen, Migrationserfahrungen zwischen Istanbul und dem Ruhrgebiet, die Traumata der Gastarbeit und die Suche nach Zugehörigkeit inmitten gesellschaftlicher Widersprüche.
Moderation und Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Selda Bağcan – Yaz Gazeteci Yaz
Foto: Heiko Fischer
Blattgold #48: Sagal Maj Čomafai – Fast nichts all inclusive
2025/06/03
In dieser Folge von Blattgold spricht Okan Yilmaz mit Sagal Maj Čomafai über dessen Debütroman Fast nichts all inclusive (Die Brotsuppe, 2025), ein Text, der mit leiser Wucht Fragen von Integration, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Druck verhandelt. Die beiden sprechen über Konzepte der Liebe und Entfremdung, über gesellschaftskritische Töne und über das Gefühl permanenter Überforderung in einer Welt, in der einem formal alle Möglichkeiten offenstehen, man aber gerade aus einem Moment des Widerstands heraus nicht alles machen will. Sie sprechen über die feinen Symbiosen zwischen Musik und Literatur, über das Schweigen als Haltung und über den lakonischen Humor, der in den Kurztexten des Romans immer wieder als subversives Gegengewicht aufblitzt.
Diese Folge ist eine Aufnahme des Gesprächs im Rahmen der Zürcher Sofalesung.
Musik: Mr. Oizo - No Tony (feat. Phra)
Moderation und Schnitt: Okan Yilmaz
Foto: Jara Francalancia
Blattgold #47: Regina Dürig – Frauen und Steine
2025/05/06
„Frauen und Steine“ (Droschl, März 2025) – Schon der Titel von Regina Dürigs neuem Erzählband bringt Bilder ins Rollen: Da denkt man an Stolpersteine, die im Weg liegen, an Trittsteine, die uns weiterbringen und dann den berühmten „Stein des Anstosses“. Aber was genau es mit diesen Steinen auf sich hat, das erschliesst sich erst beim Lesen – und so viel kann ich verraten: Es ist selten das, was man erwartet.
In Dürigs Erzählungen wird das Motiv des Steins ganz unterschiedlich und auf oft überraschende Weise durchgespielt: Da ist zum Beispiel die Geschichte der vergessenen Archäologin Alice Kober, die versucht den Stein von Rosetta zu entschlüsseln oder die einer Hobby-Bildhauerin, die plötzlich merkt, dass „all ihre Hohlräume sich in den letzten Jahren mit Unsicherheit angefüllt hatten, dass hauptsächlich Geröll in ihr drin war und Schutt.“
Mal poetisch, mal politisch, mal ganz sinnlich – Dürigs Texte lassen keinen Steinbild auf dem anderen.
Ich habe mit der Autorin im Aargauer Literaturhaus über ihren Band gesprochen und dabei trotz der zum Teil auch ziemlich schweren Themen sehr viel gelacht. Ein Gespräch über Sprachlust, über feministische Perspektiven und über die Kraft von Bildern. Drei Lesungen sind in dieser Folge zu hören:
„Fragmente“: 8:41 – 14:18
„Um den heissen Brei“: 24:55 – 38:45
„Katalog der Frauen“: 42:57 – 44:39
Diese Folge ist eine leicht gekürzte Aufnahme von Lesung und Gespräch. Eine Kooperation mit dem Aargauer Literaturhaus.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Lana del Rey - West Coast
Soundtrack zum Buch: Butterland – "Steine"
Blattgold #46: Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre
2025/03/27
Kaum ein anderes Buch hat die feministische Bewegung der 1970er-Jahre so geprägt wie Verena Stefans „Häutungen“ (1975). Allein in den ersten drei Jahren verkaufte sich das Buch hunderttausendfach. Das gerade einmal 120 Seiten schmale, autofiktionale Büchlein beschreibt die Befreiung einer jungen Frau aus patriarchalen Strukturen und Geschlechterrollen hin zu feministischer Selbstbestimmung. Stefans Sprache ist aufgeladen mit Widerstand und Übermut. An einer Stelle heißt es:
„ich zerstöre vertraute zusammenhänge, ich stelle begriffe, mit denen nichts mehr geklärt werden kann, in frage oder sortiere sie aus.“
Die Radikalität von Stefans Text ist kein Einzelfall. Auch andere Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre kämpften mit ihren Büchern für Sichtbarkeit und Veränderung. Genau darum ging es auch bei der Buchvernissage im Karl der Grosse, wo ich mit Valerie Meyer und Nadia Brügger über ihr Sachbuch „Widerstand und Übermut“, erschienen beim Verlag Hier + Jetzt, sprach.
Wir sprachen über die Frauenbewegung der 1970er-Jahre, über misogyne Literaturkritik, über die Gründung des ersten Frauenverlags – die Edition R + F –, über Brieffreundschaften und über den unverzichtbaren Wert von Freundschaft und Solidarität zwischen schreibenden Frauen zu einer Zeit, als weibliche Stimmen in der Literatur noch weitgehend überhört wurden.
Diese Folge ist eine leicht gekürzte Aufnahme von Lesung und Gespräch.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Uzun İnce Bir Yoldayım – Engin
Foto: Anja Fonseka
Blattgold #45: Monika Rinck – Zürcher Poetikdozentin 2024
2024/12/09
Die diesjährige Zürcher Poetikdozentin heisst Monika Rinck. Monika Rinck ist vielleicht eine der angesehensten deutschsprachigen Lyrikerinnen unserer Zeit. Im November sprach sie an drei Abenden im Literaturhaus Zürich über das eigene poetische Schaffen. Unter dem Titel «Raumfragen» ging es dabei um poetische, digitale und städtische Räume.
In dieser Folge von Blattgold unterhält sich mein Kollege Anatol Heller mit Monika Rinck über ihren aktuellen Gedichtband «Höllenfahrt & Entenstaat» (Kookbooks 2024). Die beiden sprechen über ganz unterschiedliche Themen: von alten, ägyptischen Grabinschriften und den verkörperten Stimmen der Hieroglyphen über Höllenfahrten und den alltäglichen Wahnsinn des Autofahrens – bis zu gigantischen Enten, die das Ende der Welt ankündigen.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Angela Winkler – Erinnerung an die Marie A.
Foto: Ute Rinck
Blattgold #44: Sophia Fritz – Toxische Weiblichkeit
2024/11/13
In den letzten Jahren war der Begriff «Toxische Männlichkeit» in aller Munde. Toxisch männliches Verhalten zeigt sich in Beziehungen unter Männern, aber auch in der Beziehung zu Frauen, in Form von Mansplaining, Gaslighting oder männlichem Entitlement, also überall dort, wo Männer sich Frauen gegenüber überordnen. Seit ein paar Jahren kursiert nun auch der Begriff "Toxische Weiblichkeit" in den Medien. Doch was ist damit gemeint?
Sophia Fritz hat dies zum Anlass genommen, genauer über die Formen und Entstehung «toxischer Weiblichkeit» nachzudenken und danach zu fragen, welche destruktive Verhalten – gegenüber anderen, gegenüber sich selbst – sich Frauen angeeignet haben, um in dieser patriarchalischen Welt zu bestehen.
Diese Folge ist eine Kooperation mit dem Gaskessel Bern, wo am 16. Oktober 2024 das hier zu hörende Gespräch mit Sophia Fritz aufgezeichnet wurde.
Foto: Eno de Wit
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Tokyo Tea Room – Tell Me How
Blattgold #43: Martin R. Dean – Tabak und Schokolade
2024/10/10
Diese Folge von Blattgold kommt aus der Allgemeinen Lesegesellschaft in Basel. Hier, zwischen ledergebundenen Büchern der Kategorie 'Geschichte, Memoiren, Biographien', treffe ich nach der offiziellen Besucherzeit den Schriftsteller Martin R. Dean, um mit ihm über sein neues Buch «Tabak und Schokolade» (atlantis) zu sprechen.
Der stark autobiographische Roman beginnt wenige Tage nach dem Tod der Mutter. Als es an die Aufteilung des Erbes geht, wird klar, dass der Erzähler nicht zur Erbengemeinschaft gehört. Weil er aus der gescheiterten, ersten Ehe der Mutter stammt, und von der Mutter, die sich später noch einmal verheiratet hatte, kein Testament aufgesetzt wurde, findet sich der Erzähler erneut als „Aussenseiter“, als „Kuckuckskind“ in der eigenen Familie. Während die Immobilien, das Geld und das materielle Hab und Gut an die Geschwister geht, bleibt ihm nicht mehr als ein Foto-Album und die Erinnerungen, die diese Schwarz-Weiss Fotos – Bild um Bild – in ihm freilegen.
Ähnlich wie in W.G. Sebalds «Austerlitz» führen auch bei Martin R. Dean die im Roman abgedruckten Fotografien in eine aus unterschiedlichen Gründen lange vergessene und verdrängte Vergangenheit: Sie bezeugen die ersten vier Lebensjahre auf Trinidad, als die Mutter als Sekretärin auf einer Kaffeeplantage arbeitete, nachdem sie von ihrem gewalttätigen Ehemann geflüchtet war. Und sie bezeugen die Jahre danach, als die Mutter mit einem dunkelhäutigen Kind in die Schweiz zurückkehrt. Immer deutlicher wird im Laufe des Romans der Grund für das Schweigen in der Familie: «Ich war schuld, dass es meinen Vater gab.», resümiert der Erzähler an einer Stelle.
Mit «Tabak und Schokolade» steht Martin R. Dean derzeit auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis. Der Preis wird am 17. November am Literaturfestival BuchBasel verliehen.
Foto: Ayse Yavas
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Natalie Cole – 'Too Young'
Blattgold #42: Tabea Steiner – Heidi kann brauchen was sie gelernt hat
2024/09/11
In dieser Folge von Blattgold ist Tabea Steiner bei mir zu Gast. Ihr neuestes Buch „Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat“, über das wir in dieser Folge sprechen, ist eine Sammlung von 15 Essays über Beobachtungen des Alltags: über sterbende Bäume und unverhoffte Begegnung mit Hirschen, über das Aufwachsen auf einem Bauernhof, über Wanderfalken im Raum Zürich, über Sommergewitter und Weltraumschrott.
Es sind diese scheinbar alltäglichen Beobachtungen, die die Autorin immer wieder über die grossen Fragen des Lebens nachdenken denken lässt: Über Leben und Tod, über Krankheit, über ein Kind, das fehlt, und über das Schreiben, das sich in den grossen Lücken – denen des Verlusts und des Mangels und im Bereich des Ungesagten und Unsichtbaren – einnistet.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Tracy Chapman – Fast Car
Foto: Ayse Yavas
Blattgold #41: Frank Witzel - Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts
2024/07/02
Seit 40 Folgen sprechen wir auf diesem Podcast über Bücher, die wir gemeinsam lesen, diskutieren, analysieren, loben und kritisieren. Aber wie entsteht eigentlich aus einer Idee ein Text und schliesslich ein Buch, das wir in einer Buchhandlung kaufen können? Und welche Texte werden zu einem Stück Literatur, das wir auch in 20, 50 und 100 Jahren noch lesen werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich Frank Witzel in seiner ganz persönlichen "Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts" (2024, Matthes & Seitz).
Die meisten von Euch werden Frank Witzel für seinen Roman mit dem so langen und grossartigen Titel "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Jahr 1967" kennen, für den er 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.
In dieser Folge von Blattgold sprechen Philipp Theisohn, Literaturprofessor an der Universität Zürich, und Frank Witzel über Kanonisierungsprozesse, Literaturkritik, über literarische Auszeichnungen, über vergessene und wiederentdeckte Autor:innen und immer wieder über Literatur, die nicht geschrieben, nicht gelesen und deshalb nicht erinnert werden kann. Für Philip Theisohn ist Frank Witzel auch deshalb ein sehr wichtiger Autor, weil er in seinen Werken immer auch eine starke poetisch-theoretische Reflexion mit sich führt. Das ist nicht nur in seinen Heidelberger Poetikvorlesungen der Fall, die eine grundlegende Analyse der Romantheorie von Roland Barthes darstellen,
sondern auch in seinem Aufsatz über Kierkegaards "Predigten". Witzels Schreiben, so Philip Theisohn, ist immer auch eine Reflexion darüber, was Geschichte eigentlich ist, wie Erinnerung funktioniert und wie Traumata funktionieren.
Die folgende Aufzeichnung ist eine leicht gekürzte Version von Lesung und Gespräch in der Zürcher Bar und Buchhandlung sphères; eine Veranstaltung des Zentrums für Literatur der Gegenwart.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Frank Ocean – Thinkin Bout You
Foto: Arne Dedert
Blattgold #40: Elias Hirschl – Content
2024/06/02
An den Solothurner Literaturtagen spreche ich mit dem österreichischen Schriftsteller Elias Hirschl. Während vor dem Fenster gemächlich die Aare vorbeizieht, sprechen wir in der Säulenhalle des Landhauses über dieses unendliche Meer an sinnlosen Inhalten im Internet, Memes, YouTube Videos, Listicles, die wir uns (wir sind nicht stolz drauf) an unseren Bildschirmen mitunter stundenlang reinziehen. Doomscrolling oder Doomsurfing nennt man das.
Und der Doom, d.h. der Untergang, der dämmert auch schon am Horizont von Elias Hirschls neuem Roman "Content" (2024 bei Zsolnay). Bis dahin arbeitet die namenlose Erzählerin aber noch in der Content-Farm Smile Smile Inc. und schreibt sinnbefreite Listenartikel, die vor allem Clicks generieren sollen.
Der Roman ist alles andere als bloss unterhaltsamer ‘Content’, sondern eine scharfe Gegenwartsanalyse der Generation ChatGPT, eine Tiefenbohrung in die spätkapitalistische Gesellschaft und ein Roman, indem das, was wir bisher für 'real' gehalten haben, zunehmend zersetzt wird.
Diese Folge ist eine Kooperation mit den Solothurner Literaturtagen.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: Kraftwerk - Computer Love
Foto: Amrei-Marie
#39: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
2024/04/20
Nach ihrem preisgekrönten Vampirroman "Die nicht sterben" begibt sich die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin Dana Grigorcea in ihrem fünften Roman auf die grosse Suche nach dem Wesen der Kunst. "Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen" ist eine poetische Erkundung darüber, was Kunst überhaupt zu Kunst macht, wie Kunst entsteht und welchen Wert Kunst – ganz abgesehen eines monetären Marktwerts – besitzt.
In der Live-"Blattgold"-Aufnahme vor Publikum beantwortet Dana Grigorcea nicht nur meine Fragen, sondern auch solche, die sie sich selbst im Prozess des Schreibens gestellt hat: Fragen darüber, wie viel Pathos Kunst verträgt, was Kunst uns geben kann und was sie uns abverlangt, ob Kunst ein Privileg ist und wie das eigentlich geht: Mutter-Sein und Schriftstellerin-Sein und wie das in ihrem Leben aufs Engste zusammenhängt. Was Ihr hier hört, ist eine leicht gekürzte Version von Lesung und Gespräch.
Schnitt: Okan Yilmaz
Musik: will.i.am – Mona Lisa Smile
Foto: Lea Meienberg
Blattgold #38: Wider das Vergessen: Helgard Haug – "All right. Good night"
2024/03/03
Ein Leben lang lassen wir Dinge, Orte und Menschen zurück; was bleibt, sind oftmals nur noch die Erinnerungen und Erzählungen und manchmal nicht einmal mehr das. Mit dem Verschwinden beschäftigt sich auch die deutsche Regisseurin und Autorin Helgard Haug in ihrem Prosadebüt „All right, Good night“. Darin überkreuzt sie zwei Geschichten des Verschwindens: Das historische Ereignis der MH 370, dem Flugzeug der Malaysia Airlines, das im Frühling 2014 mit 239 Passagieren an Bord plötzlich vom Radar verschwindet – und die ganz persönliche Geschichte ihres Vaters, dessen Demenz zeitgleich zum Verschwinden des Flugzeugs, beginnt.
Über einen Zeitraum von acht Jahren zeichnet Helgard Haug das Verschwinden, die Suche und das Ringen mit der Ungewissheit nach, verknüpft die eigene Erfahrung in knappen, kurzen Sätzen mit der Trauerarbeit der Hinterbliebenen des Unglücksflugs.
Mit Helgard Haug spreche ich im Rahmen der 'Tage internationaler Literatur' im Literaturhaus Zürich über die Phasen und Prozesse der Demenz für Betroffene und Angehörige, über die zunehmende Desorientierung in Raum und Zeit, über das Phänomen des ambiguous loss, einem Verlust, der oftmals unaufgearbeitet oder unbesprochen bleibt und über lange verdrängte Erinnerungsschichten, die zu einem fortgeschrittenem Zeitpunkt einer Demenz plötzlich wieder zu Tage treten.
Diese Folge ist eine Kooperation mit dem Literaturhaus Zürich.
Foto: Anna Korbut
Musik: Lana del Rey – Summertime Sadness
Schnitt: Okan Yilmaz
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