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Bücher im Gespräch

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Dieser Podcast hat
33 Episoden
Sprache
German
Herausgeber
ZfL Berlin
Explizit
Nein
Erstellt am
2021/03/12
Neueste Episode
2026/09/25
Durchschnittsdauer
44 min.
Veröffentlichungsintervall
66 Tage

Beschreibung

Für »Bücher im Gespräch«, den Podcast des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), unterhalten sich Wissenschaftler*innen über ihre neuen Publikationen.

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Episode 33: Fiktion und Prävention
2026/09/25
Johannes Becker spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über sein Buch »Präventionsfantasien. Zukunftssicherung in der Gegenwartsliteratur« (Berlin: De Gruyter 2026). Darin untersucht er, wie literarische und filmische Fiktion und präventives Zukunftsdenken zusammenhängen. ———————— Becker versteht Prävention als den Versuch, die Zukunft durch Vorstellungen von Sicherheit berechenbarer zu machen. Sie erscheint als gesellschaftliche Technik, die Zukunft gestaltet, indem sie bestimmte Entwicklungen verhindern will. Eine lückenlose Kausalität zwischen Gegenwart und Zukunft lässt sich allerdings nicht herstellen, die Zukunft bleibt immer offen. Präventive Maßnahmen können den Raum des Möglichen zwar beeinflussen, aber nie vollständig kontrollieren und sind daher auf Fiktionen angewiesen. Wie lässt sich dieser Möglichkeitsraum in Literatur und Film gestalten? Daniel Suarez’ »Daemon«-Reihe zieht eine von Gaming und Online-Rollenspielen inspirierte Parallele zwischen präventiver Handlungsmacht und fiktionaler Handlung. Der oft beschworene Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit wird dabei aufgelöst: Sicherheitsmaßnahmen erscheinen nicht als Einschränkung, sondern als Zugewinn an Freiheit, sofern sie auf gemeinschaftlichen Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. Mit ihrer Vision einer technologisch geprägten Utopie steht die Reihe zugleich in der Tradition marxistisch inspirierter Science-Fiction. Einen anderen Weg geht Jeff Nichols’ Film »Time Shelter«. Statt das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, richtet er den Blick auf die Zukunftssicherung im Privaten. Becker liest den Film im strukturalistischen Sinne als fantastische Erzählung, in der innerhalb einer fiktionalen Wirklichkeit zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen, aus deren Gleichzeitigkeit die Spannung entsteht. In Colson Whiteheads Zombie-Roman »Zone One« ergibt sie sich dagegen aus der Erschütterung der zeitlichen Ordnung. Diskrepanzen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit lenken den Blick auf das Verhältnis von Sicherheit der Verlässlichkeit fiktionalen Erzählens. Die Analysen machen eine gemeinsame Tendenz in Literatur und Film sichtbar: Drohendes Unheil soll abgewendet werden, indem es benannt und vorgestellt wird. In Katja Thomas’ Satz »Wenn ich es mir vorstelle, wird es niemals geschehen« nimmt diese Vorstellung beinahe die Form magischen Denkens an. Die Darstellung unheilvoller Gegenwart und bedrohlicher naher Zukünfte erfüllt mehrere Funktionen. Einerseits kann sie entlastend wirken, weil Risiken erzählbar und damit greifbar werden. Andererseits eröffnen Unheilsszenarien, die in der unmittelbaren Gegenwart verortet und über soziale Nahbeziehungen vermittelt werden, neue Möglichkeiten literarischer und künstlerischer Weltgestaltung. So erweitern Literatur und Film unsere Vorstellungen davon, was Gegenwart und Zukunft sein könnten. ———————— Johannes Becker studierte Neuere deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer und war von 2014 bis 2017 Doktorand im von Stefan Willer geleiteten Projekt »Sicherheit und Zukunft. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Security Studies« am ZfL. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und leitete dort unter anderem die Projekte »Übersetzungen im Wissenstransfer« (2014–2016) und »Prognostik und Literatur« (2010–2013). www.zfl-berlin.org
Episode 32: Sternenbegeisterung (um 1900)
2026/07/27
Sophie-C. Hartisch spricht mit Eva Geulen (beide ZfL) über ihr Buch »Stern und Kosmos. Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900« (Göttingen: Wallstein 2026). Darin zeigt sie, dass die allgegenwärtige Beschäftigung mit der Sternenwelt um 1900 sich nur in einer gattungs- und disziplinenübergreifenden Perspektive erschließen lässt. ———————— Der Blick in den Sternenhimmel ist besonders in der Lyrik der Jahrhundertwende präsent. Astrale Konstellationen sind nicht nur ein häufiges Gedichtmotiv, sondern stehen auch in enger Beziehung zur Form der Gedichte selbst. In den Formexperimenten Stéphane Mallarmés erkennt Paul Valéry beispielsweise den Versuch, den Kosmos auf Papier zu bannen. In den dunklen Umrissen der Schrift auf dem hellen Blatt sieht er die visuelle Inversion der hellen Sterne vor dem dunklen Firmament. Zugleich sprengen Mallarmés Konstellationen die lineare Ordnung der Schrift auf. Dies zeuge vom Verlust von Ganzheit und Kontinuität in der Moderne, den Georg Lukács als transzendentale Obdachlosigkeit beschreibt. Die materialreiche Studie erzählt jedoch nicht nur diese wirkmächtige Verlustgeschichte. Sie macht vielmehr sichtbar, wie stark um 1900 auch Vorstellungen von Kontinuität und Verbundenheit im Astralen fortwirken. Das zeigt sich in der anhaltenden Annahme eines Zusammenhangs zwischen kosmischer und moralischer Ordnung ebenso wie bei Denkern wie Georg Simmel, für den der Blick in den Sternenhimmel das alle Menschen Verbindende darstellt. Das Vertrauen in den vereinenden Sternenhimmel drückt sich um 1900 auch in der Mythenforschung, der populären Planetenlandschaftsmalerei und der wiederauflebenden Begeisterung für die Astrologie mit ihrem Versprechen von Ganzheit aus. Wie unterschiedlich das Astrale gedeutet wurde, zeigen seine politischen Aneignungen im frühen 20. Jahrhundert. Im George-Kreis etwa diente der Bezug auf den Sternenhimmel dazu, eine klar abgegrenzte und hierarchisch geordnete Gemeinschaft zu begründen. Die Berufung der mit George verbundenen Kosmiker auf einen über die ›Blutlinie‹ geteilten Boden lässt sich als düstere Umkehrung von Simmels Vorstellung eines alle verbindenden Himmels lesen und weist bereits auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten voraus. In der Exildichtung dagegen bietet der Blick in den Sternenhimmel oft letzten Halt in einer unsicheren Welt, während der ›Leitstern‹ Orientierung für die Zukunft verspricht, was auch in kommunistischen und sozialistischen Aneignungen und symbolischen Aufladungen des Astralen zu beobachten ist. Nach dem Ersten Weltkrieg entsteht mit dem Planetarium ein neuer Ort, an dem der Kosmos erfahrbar wird. Bei Bertolt Brecht avanciert er zum Modell fürs Theater als Ort des Lernens und der Erfahrung. Bei Walter Benjamin kann der durch neue Technik greifbar werdende Kosmos einen Ausweg aus der Erfahrungsarmut der Moderne eröffnen – vorausgesetzt, die Verfügung über diese technischen Mittel liegt bei den Richtigen. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Sophie-C. Hartisch ist akademische Rätin auf Zeit am Institut für Germanistik der Universität Bonn. Für ihre 2024 an der Universität zu Köln abgeschlossene Dissertation »Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900. Stern und Kosmos als Zeitsignatur der Moderne« erhielt sie den Carlo-Barck-Preis 2025 und arbeitet derzeit als Carlo-Barck-Preis-Stipendiatin mit ihrem Projekt »Kohärenz. Die Poetik des Zusammenhangs« am ZfL. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. www.zfl-berlin.org
Episode 31: Koselleck
2026/05/19
Falko Schmieder spricht mit Georg Simmerl (beide ZfL) über den von ihm herausgegebenen Band »Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur Historisierung Reinhart Kosellecks« (Göttingen: Wallstein 2026), der Kosellecks Denken einer kritischen Neuperspektivierung unterzieht, indem politische und theoriegeschichtliche Fragen in den Mittelpunkt gerückt werden. ———————— Reinhart Koselleck (1923–2006) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Historiker des 20. Jahrhunderts. Während die Geschichtswissenschaft lange von einer eher unkritischen Verehrung geprägt war, wird Koselleck in aktuellen Debatten zuweilen als Vorreiter einer neurechten Strategie kultureller Hegemonie dargestellt. Ist Koselleck also ein Rechtsintellektueller, oder werden hier gegenwärtige Konflikte auf die Nachkriegszeit projiziert? Die Kritik konzentriert sich meist auf Kosellecks Frühwerk, insbesondere auf seine Dissertation »Kritik und Krise«, deren Nähe zu Carl Schmitt und unbefangener Umgang mit NS-Autoren irritieren. Oft wird dabei jedoch versäumt, Koselleck zu historisieren und seine Entwicklung mitzudenken. Jürgen Habermas beispielsweise porträtierte Koselleck zunächst als Sprachrohr Schmitts und der Gegenaufklärung, relativierte diese Einschätzung jedoch später. Auch Kosellecks Auftreten als politischer Intellektueller provozierte Widerspruch, etwa im Streit um das Berliner Holocaustmahnmal oder die Spannung zwischen Universalismus und Singularität des Holocaust. Umso auffälliger ist seine Vermeidung einer direkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, etwa in der Konzentration der Geschichtlichen Grundbegriffe auf die »Sattelzeit« um 1800. Dennoch bleibt Kosellecks Kritik der Aufklärung anschlussfähig: Seine Analyse eines Moralismus, der politische Interessen verschleiert, schärft den Blick für die Aufgabe der Theorie und Begriffsgeschichte, verborgene Politizität offenzulegen. Seine konservative Aufklärungskritik, die die Prekarität der bürgerlichen Ordnung reflektiert und Adornos Gegenwartsdiagnosen überraschend nahesteht, erscheint heute mitunter plausibler als Habermas’ kontrafaktisches Ideal kommunikativen Handelns in liberalen Demokratien. Vor dem Hintergrund einer vielfach beschworenen »Wiederkehr von Weimar« ist diese Opposition auch deshalb aktuell, weil wir Demokratie erneut als prekär erfahren – heute allerdings unter umgekehrten ideologischen Vorzeichen und im Schatten einer Krise des Marxismus sowie fehlender emanzipatorischer Perspektiven. Gerade im Begriff der Krise zeigt sich jedoch der grundlegende Unterschied zwischen einer Dialektik der Aufklärung, die auf die emanzipatorische Kraft der Kritik setzt, und Kosellecks Verständnis der Kritik selbst als Krisenauslöser. 1982 gilt ihm ›Krise‹ noch als erschöpfte Worthülse; wenige Jahre später erkennt er in der ökologischen Krise eine neue politische Schwellenerfahrung. Am Verhältnis zur Ökologie zeigen sich letztlich auch die Grenzen seiner Aktualität. Zwar erkannte Koselleck früh, dass das Klima zunehmend in den Bereich menschlicher Verfügung rückt. Angesichts der heutigen Erfahrung einer sich politischer Kontrolle und Verfügung entziehenden Klimakatastrophe wirkt diese Perspektive jedoch überholt. ———————— Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland« und ist Herausgeber des E-Journals Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte. Er ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. Der Politik- und Kulturwissenschaftler Georg Simmerl ist mit dem Projekt »Strategien der Kritik. Eine systematische Rekonstruktion der Debatte um die documenta fifteen« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2022 erhielt er den Carlo-Barck-Preis des ZfL für seine Dissertation zur Theorie- und Begriffsgeschichte des Liberalismus. www.zfl-berlin.org
Episode 30: Wissensgeschichte des Verhaltens
2026/03/11
Sophia Gräfe (HU Berlin) und Georg Toepfer (ZfL) sprechen über den von ihnen herausgegebenen Band »Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven« (Berlin/Boston: De Gruyter 2025). Das Buch untersucht, wie sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Disziplinen Wissen über Verhalten gebildet, verändert und institutionalisiert hat. ———————— Doch was ist eigentlich Verhalten? Die Biologie der 1950er und 60er Jahre betrieb erheblichen Aufwand, dies zu klären. Die in den 1930er Jahren entstehende Ethologie löste sich von der Laborphysiologie des 19. Jahrhunderts und beobachtete – Ernst Haeckel und Jakob von Uexküll folgend – Organismen in ihrer Umwelt. Zur Bestimmung arttypischer Verhaltensweisen entwickelte sie Experimente und markierte damit stets auch Abweichungen von der Norm. Verhaltenswissen ist somit an Verfahren der Sicht- und Erzählbarmachung gebunden und doppelt kodiert: als empirisches Geschehen und als moralisch-sozialer Maßstab. Seine historische Tiefenschichtung – von höfischen Benimmregeln über juristische Regulierungen bis hin zur modernen Biologie – verweist auf eine lange Geschichte der Disziplinierung und Anpassung. Die Popularität der Verhaltenswissenschaft gründet dabei vor allem in ihrem Umweltbezug. Prominent zeigt sich dies in den beliebten Tierfilmen von Konrad Lorenz, in denen das Versprechen eines harmonischen Miteinanders von Mensch und Tier transportiert wird. In der Nachkriegszeit schloss daran die Kybernetik an, die Organismen als Regulationssysteme verstand, die ihr Verhältnis zur Umwelt über Rückkopplungskreisläufe regulieren – auch dies eine Form von Verhalten. Die Beiträge des Sammelbands zeigen, dass die Verhaltensforschung stets politische Implikationen hat: Wer nach Ursachen und Auslösern für bestimmtes Verhalten fragt, verhandelt Verantwortung und Schuld, was stets auch Folgen für die Gemeinschaft hat. Ein historisierender Blick auf die Zuschreibung und Aberkennung von Verhalten bei Menschen, Tieren, Maschinen oder Pflanzen macht Konflikte um Autonomie, Norm und Abweichung sichtbar. Begriffe wie ›Zucht‹ und ›Zähmung‹, die den Verhaltensdiskurs begleiten, offenbaren ideologische Prägungen biologischer Konzepte. Die Instrumentalisierung verhaltensbiologischen Wissens ist jedoch kein rein historisches Phänomen. Verhalten als zu regulierende Größe begegnet uns auch heute in verschiedenen Politikfeldern von der Gesundheits- bis zur Verkehrspolitik sowie im ökonomisch motivierten Nudging. ———————— Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Sophia Gräfe leitet gemeinsam mit Claudia Mareis und Peter Fratzl das Projekt »Material Form Function« am Exzellenzcluster »Matters of Activity«. In ihrer Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt sie eine Medien- und Wissensgeschichte des Verhaltens. Von 2018–2019 war sie Gastwissenschaftlerin im Programmbereich Lebenswissen des ZfL. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer ist Ko-Leiter des Programmbereichs und leitet dort die Projekte »Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte« und »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen«. Frühere Forschungsprojekte widmeten sich »Lebenslehre, Lebensweisheit, Lebenskunst« und den »wandernden Grenzen der Biologie«. www.zfl-berlin.org
Episode 29: Peripherie und Verbannung
2026/01/15
Ivana Perica und Aurore Peyroles (beide ZfL) sprechen über ihre Bücher »Politics, Literature and Tertium Datur« (London: Bloomsbury 2025) und »Voyages au bout de la banlieue« (Berlin: De Gruyter 2025). Beide eint die Neugier für die Peripherie und Phänomene der Verbannung und des Ausschlusses. Trotz unterschiedlicher Schauplätze, Zeiten und Gegenstände treten die Bücher als einander ergänzende Unternehmungen in einen Dialog miteinander. ———————— Aurore Peyroles unternimmt eine Reise in die Pariser Banlieue und die mit ihr verknüpfte Vorstellungswelt – von Honoré de Balzac über Victor Hugo bis Louis-Ferdinand Céline. Die Banlieue, in die historisch sowohl Friedhöfe als auch Fabriken und somit Tod und Arbeit verbannt wurden, lässt sich als ein Gegen-Ort zu Paris lesen, der »Hauptstadt der Moderne« (Benjamin). Von der Peripherie her wird so das Zentrum infrage gestellt. In der französischen Literatur entlarvt sie zugleich die republikanischen Versprechen, indem sie als Raum des Durchgangs und der Anonymität geschildert wird, wo keine demokratische Teilhabe an einer vorgestellten nationalen Gemeinschaft möglich ist. Die historische Banlieue Rouge der 1930er Jahre, Schauplatz politischen Aufruhrs und revolutionärer Energie, bleibt in der Literatur überraschend randständig. Dass die Banlieue überhaupt Darstellung in der Literatur findet, kann jedoch im Sinne Rancières als politisch verstanden werden, steht dahinter doch häufig die Absicht, diese sonst unsichtbaren Menschen und Lebensrealitäten zu zeigen. Das Schreiben über die Banlieue macht somit sichtbar, was im Verborgenen liegt und legt zugleich das Unsichtbare der Norm frei. Auch bei Ivana Perica steht der Wandel von Orten des literarischen Geschehens und politischer Debatten im Mittelpunkt. Sie untersucht, wie an den historischen Knotenpunkten 1928 und 1968 in Berlin, Wien, Prag und Zagreb sowie Belgrad das Verhältnis von Literatur und Politik verhandelt wurde. Besonders interessieren sie die Diskussionen um ein »Tertium Datur« (Lukács), einen sozialistischen dritten Weg, in den 1920er Jahren und ihr Nachleben nach 1945. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, was zuerst kommen soll: revolutionäre Kunst oder die Revolution? In den Debatten von 1928 zeigt sich eine politische Literatur, die sich von der auf die Autonomie der Kunst fixierten unterscheidet, die sich nach 68 vor allem im Westen etablierte. Viele der häufig parteilich organisierten linken Autor:innen der Zwischenkriegszeit sahen sich und ihr Schreiben als Teil einer kollektiven Bewegung. Sie agierten jedoch nicht als dogmatische Sprachrohre politischer Parolen, sondern verstanden ihre Texte als kundschaftende Beiträge zu einer lebendigen Kontroverse. In internationalen intellektuellen Netzwerken wurde diese differenzierter geführt, als es der enge Blick auf Moskau als Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit nahelegt. Die Frage, was politische Literatur ist, was sie leisten kann und soll und welches Politikverständnis ihr zugrunde liegt, ist auch heute noch aktuell. Sie stellt sich etwa bei Joseph Ponthus, der diskutiert, ob der Aussteiger oder der bekennende Aktivist die ›wahre‹ politische Figur ist, sowie in der Autosoziobiographie, in der die Banlieue als kultureller Identitätsmarker und als Ort zurückerobert wird, von dem aus – und nicht nur über den – geschrieben wird. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica und die Romanistin Aurore Peyroles sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa am ZfL«. www.zfl-berlin.org
Episode 28: Nachdenken über Belarus
2025/11/20
Nadine Menzel (Universität Bamberg) und Nina Weller (ZfL) sprechen über ihre Bücher zur gesellschaftlichen Situation und (Protest-)Kultur in Belarus. ———————— 2020 kam es im Gefolge der Präsidentschaftswahl in Belarus zu den größten Massendemonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion. Das Lukaschenka-Regime begegnete ihnen mit massiven Repressionen. Keine drei Monate nach Beginn der Proteste erschien in Reaktion darauf die von Nina Weller mitherausgegebene Flugschrift »Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution«, in der über den feministischen Charakter der Proteste diskutiert wird. Die 2023 veröffentlichte Flugschrift »›Alles ist teurer als ukrainisches Leben‹« wiederum versammelt Stimmen aus der Ukraine, die sich gegen die Überheblichkeit wehren, mit der aus dem Westen allzu häufig auf die Ukraine geblickt und dabei die russische imperiale Bedrohung heruntergespielt wird. Während die Flugschriften aktivistisch-interventionistischen Charakter haben und sich auch als Handreichungen zum besseren Verständnis aktueller Entwicklungen verstehen, verfolgt der Sammelband »Appropriating History« ein wissenschaftlich-historisches Interesse. Ausgehend vom Befund, dass Geschichte in der Populärkultur von Belarus, Russland und der Ukraine allgegenwärtig ist, zielt ›Aneignung‹ dabei weniger auf die Usurpation historischer Ereignisse durch die dominante Kultur ab, sondern vielmehr auf die Neu(er)findung der Nationalgeschichte nach dem Ende der Sowjetunion. Dabei geht es auch um die Frage, in welchem Maße Geschichte als Unterhaltungsmedium und – nicht erst seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine – zunehmend auch als Waffe dient. Ein markantes Beispiel dafür liefert der Partisan, der in der Erinnerungskultur von Belarus sowohl als historische Gestalt wie auch als mythischer Held eine zentrale Rolle spielt. In den letzten Jahren erlebte das Partisanentum als Taktik einer dezentralen subversiven Aktion eine Renaissance: u.a. in Gestalt von ›Künstlerpartisanen‹ wie Artur Klinau und Igor Tishin oder der Cyber- und Schienenpartisanen der Gegenwart. Eine kritische Hinterfragung des Partisanenmythos hingegen fand bereits im 1975 erschienenen Buch »Feuerdörfer« statt, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Die von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik geführten und collagierten Interviews mit Überlebenden der Wehrmachtsverbrechen in Belarus liefern ein vielstimmiges Bild der Geschichte und gelten als wegweisend für das dokumentarische Erzählen zeitgenössischer Autor*innen wie Swetlana Alexijewitsch. Traditions- und Einflusslinien geht schließlich auch der von Iryna Herasimovich, Nadine Menzel und Nina Weller herausgegebene Band »Befragungen am Nullpunkt« nach. Er verfolgt das Ziel, die unabhängige belarusische Kultur – vertreten durch A. Slabodchykava, A. Klinaŭ, Z. Vishnioŭ, M. Gulin und J. Dziwakoŭ – bekannter zu machen und zeigt historische Vorläufer heutiger Bewegungen und Kunstformen auf. Damit setzt er der häufigen Fixierung auf Belarus als ›letzte Diktatur‹ und ›blinder Fleck‹ Europas Zeugnisse des beharrlichen Widerstands und des Kampfes um die (Rück-)Eroberung von staatlich okkupierten Räumen der Kultur und des Austauschs entgegen. ———————— Die Slawistin und Literaturwissenschaftlerin Nina Weller ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Anpassung und Radikalisierung«. Bis 2022 leitete sie ein Projekt zu Geschichtsbildern in der belarussischen, russischen und ukrainischen Kultur an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und war zuvor an der LMU München, der FU Berlin und der Universität Potsdam beschäftigt. Nadine Menzel ist Slawistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Slavische Kunst- und Kulturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zuvor war sie an der Universität Leipzig tätig, wo sie 2015 mit einer Arbeit zu Reiseschriften über das postrevolutionäre Russland promovierte. www.zfl-berlin.org
Episode 27: Afrotopia
2025/07/15
Jenaba Samura spricht mit Liola Mattheis (beide ZfL) über ihren Essay »Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Gender und Sexualität« (Berlin: Querverlag 2025). Darin kritisiert sie die weitverbreitete Vorstellung, dass Schwarzsein und Queerness einander ausschließen, und untersucht die Verwobenheit von Geschlecht und Sexualität mit kolonialen Praktiken und Prozessen der Rassifizierung. ———————— Samura verbindet in der integrativen Form des Essays persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Beobachtungen. Besonders kritisch beleuchtet sie das Whitewashing queerer Geschichte sowie die Aneignung Schwarzer Ästhetiken und Praktiken der Lebensgestaltung. Dabei zeigt sie, dass Konzepte wie Nichtbinarität keine westlichen Erfindungen sind, sondern dass umgekehrt die rigide binäre Geschlechterordnung ein kolonialer Export ist, der als Teil einer ›colonization of the mind‹ begriffen werden kann. Dies wird anhand der deutschen Kolonialgeschichte und der Bedeutung ›weißer‹ deutscher Frauen für die Konsolidierung der kolonialen (Geschlechter-)Ordnung in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) deutlich. Ihre gezielte Aussiedlung, die von der ersten Frauenbewegung als feministisches Aufstiegsprojekt gepriesen wurde, sollte sogenannte Mischehen und somit die Weitergabe der Staatsbürgerschaft an Nichtweiße verhindern. Dieses koloniale Projekt der Etablierung ›weißer‹ Vorherrschaft ging mit der Kriminalisierung von Homosexualität durch den aus dem Kaiserreich exportierten § 175 einher. Generell lässt sich im Zuge der Etablierung einer auf Reproduktion ausgerichteten heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit in Europa die Tendenz feststellen, sexuelle ›Abweichungen‹ wie Homosexualität und Polygamie außerhalb Europas zu verorten. Nichtweiße Sexualität und Geschlechtlichkeit wurden dabei häufig widersprüchlich gezeichnet, Schwarze Körper z.B. gleichzeitig de- und hypersexualisiert. Im Bild des ›virgin land‹ verschmelzen schließlich Vorstellungen des zu erobernden Lands mit solchen von der Schwarzen Frau, was der Legitimierung kolonialer und sexualisierter Gewalt dient. Samura betrachtet jedoch nicht nur koloniale sowie cis- und heterosexistische Gewalt, sondern auch im heutigen Sinne queere Personen und Praktiken in der afrikanischen Geschichte. Deren Erforschung ist mit methodischen Herausforderungen verbunden. Zum einen besteht die Gefahr, heutige Identitätskategorien rückwirkend auf historische Kontexte zu übertragen und dabei präzisere lokale Konzepte zu verdrängen. Zum anderen gibt es große Lücken im Archiv, und vorhandenes Material stammt oft von Kolonialbeamten und muss kritisch betrachtet werden. ›Critical fabulation‹ im Sinne Saidiya Hartmans kann helfen, diese Lücken zu füllen. Insgesamt eröffnen historische Beispiele des Widerstands und der ›Abweichung‹ von hegemonialen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität Perspektiven für ein utopisches Nachdenken, in dem sich Vorstellungen von Afro- und Queertopia verbinden. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Jenaba Samura ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Schwarze Narrative transkultureller Aneignung: Literarische Akte des Konstruierens afroeuropäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen«. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie afropäische Reiseberichte als Gegenerzählungen zu kolonial-ethnografischen Darstellungen. Liola Mattheis ist Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen«. Sie promoviert zu rekapitulativen Entwicklungsideen in Evolutionsbiologie und marxistischer Theorie. www.zfl-berlin.org
Episode 26: Ernst Jünger
2025/05/21
Detlev Schöttker spricht mit Claude Haas über sein Buch »Die Archive des Chronisten. Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen« (Wallstein 2025). Darin zeigt er Jünger als Chronisten des 20. Jahrhunderts, der keineswegs bloß historische Tatsachen aneinanderreiht, sondern sich als Geschichtsdeuter versteht. Das auf mittelalterliche und frühneuzeitliche Vorbilder zurückgehende Darstellungsverfahren der Chronik macht sich Jünger gattungsübergreifend zu eigen, in Tagebüchern und Briefwechseln, Kriegsberichten, Romanen und Essays. ———————— Jüngers Schreiben zeichnet sich durch eine Tiefe der Beobachtung aus, die erst durch die Distanz zum Geschehen möglich wird und die Jünger in seinem »Sizilianischen Brief an den Mann im Mond« zum poetologischen Prinzip erhebt. Diese Distanziertheit birgt jedoch auch eine gewisse Kälte in sich, die in der Rezeption immer wieder für Irritationen gesorgt hat. Das trifft besonders auf die »Strahlungen« zu, mit deren Veröffentlichung 1949 Jünger früh literarisches Zeugnis von Konzentrationslagern, Gestapo- und SS-Gefängnissen ablegte. Jüngers Schilderungen des Luftkriegs über Paris wurde der Vorwurf gemacht, das Schrecken zu ästhetisieren. Als bisweilen verstörend wurden Jüngers Versuche gewertet, den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten im Geiste einer Universalgeschichte in ein größeres Sinngeschehen zu integrieren oder doch zumindest Erklärungsansätze dafür zu liefern. Von vielen als reaktionär bewertet, kann seine distanzierte Betrachtung der Geschehnisse wohl mindestens als eskapistisch gelten. Jüngers universalgeschichtlicher Zugriff stößt hier an eine politische Grenze. Andererseits erlaubt es Jüngers Betonung der starken Einzelpersönlichkeit des Geschichtsdeutenden, ihn entgegen gängigen Kategorisierungen als Vertreter der Moderne zu betrachten – selbst wenn der universalgeschichtliche Gestus seiner Chronistik in den literarischen Werken häufig in Kitsch umschlägt. Anders verhält es sich mit den Briefen, denen Schöttker neben den Tagebüchern besondere Aufmerksamkeit schenkt. Der Brief galt Jünger als die wichtigste historische Quelle überhaupt. Der schiere Umfang des Briefarchivs, an dessen Form und Organisation Jüngers zweite Ehefrau Liselotte als ausgebildete Archivarin maßgeblichen Anteil hatte, zeugt von der herausragenden Bedeutung, die er der Korrespondenz als partnerschaftlicher Form der Verbindlichkeit und des intellektuellen Austauschs beimaß. Für den ›Archivautor‹ Jünger, der bereits zu Lebzeiten bemüht war, sein Nachleben, mithin seine Unsterblichkeit zu sichern, hatten die sorgsam archivierten Briefwechsel noch eine weitere Bedeutung: Bei der Lektüre nimmt man posthum Anteil am persönlichen Leben der Schreibenden, die einem somit (fast) lebendig erscheinen. ———————— Der Literatur- und Medienwissenschaftler Detlev Schöttker ist Senior Fellow des ZfL und erforschte dort das Briefarchiv Ernst Jüngers. Derzeit leitet er das Projekt »Kommentierte Edition des Briefwechsels zwischen Ernst und Friedrich Georg Jünger (1908–1977)«. Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt »Stil. Geschichte und Gegenwart«. www.zfl-berlin.org
Episode 25: Historizität und Historisierung
2025/03/13
Henning Trüper spricht mit Falko Schmieder über sein Buch »Unsterbliche Werte. Über Historizität und Historisierung« (Wallstein 2024). Darin setzt er sich mit elementaren geschichtsphilosophischen Kategorien und Methoden auseinander und unterzieht die Geschichtswissenschaft einer grundlegenden Kritik. Denn diese, so seine Diagnose, ist nicht nur, wie schon Koselleck befand, theorie-, sondern auch therapiebedürftig. ———————— Die Debatten um das Ende der Geschichte (Fukuyama) und die breite Gegenwart (Gumbrecht), aber auch die als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgerufene ›Zeitenwende‹ machen deutlich, wie umkämpft das Feld der Geschichte ist. Dass die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin nicht neu ist, zeigt die Kritik am Fortschrittsnarrativ der Geschichtsphilosophie. Auch Henning Trüper versteht Geschichte nicht als progressiven Lernprozess, sondern zeichnet nach, welche teils widersprüchlichen Antworten zu verschiedenen Zeiten auf die Frage gegeben wurden, was Geschichtlichkeit ist. Die Kritische Theorie hat Geschichtlichkeit vor allem im Sinne der Veränderlichkeit von Denkformen und Begriffen verstanden. Trüpers Interesse gilt demgegenüber den Praktiken des Historisierens: Mit welchem Ziel wird Vergangenes zu Geschichtlichem erklärt und als solches erinnert, welchen Ereignissen wird historischer Wert beigemessen und warum? Diese Wertsetzungen sind stets veränderlich und folgen bestimmten Motivationen, wie bereits Nietzsches Unterscheidung verschiedener Arten von Historisierung in der zweiten »Unzeitgemäßen Betrachtung« zeigt. Wann und wie aber erhalten diese flüchtigen Werte den Charakter von ›unsterblichen Werten‹, also von moralischen Normen? Und in welchem Verhältnis zur Geschichte stehen vermeintliche Nebensachen wie Moral, Humanitarismus oder auch naturgeschichtliche und philosophische Diskurse über das Aussterben? Ein Blick auf die Textgestalt und die Funktion von Intertextualität in der Geschichte hilft, sich diesen Fragen zu nähern. Die Neulektüre geschichtswissenschaftlicher Klassiker und deren Kombination mit unbekannten, in Vergessenheit geratenen Texten und Autoren führt bei Trüper zu einer aphoristischen, umwegigen, bisweilen ironischen Darstellung, die gleichwohl systematische Ansprüche verfolgt. Gegen Relativierungen und den Zerfall der Geschichte in plurale Geschichten setzt er einen starken Begriff von Geschichte: Die Tätigkeit des Geschichtlichmachens erzeugt ihren Gegenstandsbereich, der als Teil der Wirklichkeit real und wirkmächtig ist. ———————— Henning Trüper ist Historiker und leitet das ERC-Projekt »Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europäischen Gesellschaften seit 1800« am ZfL. Seit Januar 2024 ist er Associate Professor an der Universität Oslo. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland« am ZfL. www.zfl-berlin.org
Episode 24: Klassische Tragödie
2025/01/22
Claude Haas spricht mit Eva Geulen über sein Buch »Der König, sein Held und ihr Drama. Politik und Poetik der klassischen Tragödie« (Wallstein 2024). An der vermeintlich überholten Form der klassischen Tragödie interessieren ihn vor allem ihre Unwahrscheinlichkeit und der Kontrast zwischen Formstrenge und unterschwelligem Chaos. Außerdem bietet sie Anknüpfungspunkte für Debatten über die Rückkehr des Helden und Fragen der Souveränität in der heutigen Politik. ———————— Bei Corneille dient die klassische Dramenform der (Be-)Gründung absolutistischer Politik. Die aristotelischen Einheiten von Raum, Zeit und Handlung werden in den Dienst der Staatsgründung gestellt, der Souverän als derjenige inszeniert, der Gewohnheiten institutionalisiert und mit dem Helden dessen Machtverzicht verhandelt. Die Komplizenschaft von König und Held kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide als Verbrecher Recht stiften. Solche rechtspolitischen Probleme verschärft Racine dadurch, dass er hinter der Bühne das Volk als eine volatile Masse zu erkennen gibt, die die politische Handlung vor sich hertreibt. Weder König noch Held können die Ordnung stabilisieren und echte Souveränität schaffen. In der deutschen Rezeption galten die Dramen der tragédie classique oft als hölzern und formalistisch, im Gegensatz zur vermeintlich freieren und natürlicheren Darstellung Shakespeares. Und doch gibt es im ausgehenden 18. Jahrhundert Rückgriffe auf die Regelpoetik, die als nostalgische Versuche interpretiert werden können, Ordnung in die nach der Französischen Revolution in Unordnung geratene Welt zu bringen. In ihnen scheinen jedoch stets das Wissen um deren Nichtrestaurierbarkeit und die Einsicht durch, dass sich Politik nicht letztendlich begründen lässt. Aus dem Grund sind es vor allem die Schwierigkeiten, Widersprüche und unauflösbaren Reste der klassischen französischen Tragödie, an die Goethe und Schiller anknüpfen. Dennoch scheint die klassische Form spätestens in der Weimarer Klassik aus der Zeit gefallen. Nicht nur ist der Machtverzicht des Helden – bei Corneille noch als bewusster Willensakt inszeniert – hier eher Ausdruck seiner Ohnmacht: Goethes Tasso beruft sich auf ein am Hof bereits überholtes Politikverständnis, Schillers Wilhelm Tell hat zwar noch heroische Auftritte, liefert aber keinen Beitrag zur Neugründung der Schweiz. Auch die Einheit der Zeit, von der der Anschein der Zeitunabhängigkeit und universellen Gültigkeit des souveränen Rechts abhängt, wird ironischerweise nur noch in der »Iphigenie auf Tauris« eingehalten, wo das Recht bereits gegründet und sie folglich funktionslos ist. Spätestens der »Faust« markiert das Ende solcher Versuche, die Einheit der klassischen Form zu stiften. Zwar finden sich hier noch vereinzelt Form- und Stilelemente der klassischen Tragödie, doch ist die moderne Tragödie und mithin die Moderne mit dem Geld durch eine völlig andere Gründungsökonomie strukturiert als der absolutistische Staat. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, inwiefern Analysen der klassischen Tragödie Schlüsse für gegenwärtige Fragen nach dem Zusammenhang von ästhetischer Form und politischen Anliegen zulassen. Angesichts autoritärer politischer Akteure, die sich aufführen wie Heroen und Könige, ist mitunter ein unbewusster identifikatorischer Rückgriff auf das klassische Drama zu beobachten. Dem setzt Haas eine an der Analyse der dramatischen Form geschulte Sensibilität für die Unterschiede zwischen historischem Geschehen und Gegenwart entgegen. ———————— Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt »Stil. Geschichte und Gegenwart«. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der HU Berlin. www.zfl-berlin.org
Episode 23: Geschwister-Logik
2024/11/29
Stefani Engelstein (Duke University) spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über ihr Buch »Geschwister-Logik. Genealogisches Denken in der Literatur und den Wissenschaften der Moderne« (Berlin: De Gruyter 2024). Darin spürt sie Geschwisterbeziehungen nach, die in Genealogien oft zugunsten der vertikalen Abfolge der Generationen vergessen werden. Welche neuen Perspektiven eröffnet der Blick auf horizontale Verästelungen für Fragen der Ähnlichkeit und Identität? Und welche Rolle spielt die Literatur bei der Verhandlung von Geschwisterverhältnissen? ———————— Im langen 19. Jahrhundert werden in den verschiedensten Wissenschaften genealogische Modelle eingesetzt, um Wissen zu organisieren. Ein wichtiges Werkzeug ist dabei das Modell des Stammbaums, das in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Sprachwissenschaft und der Evolutionsbiologie zum Einsatz kommt. In der Philologie dient es der Untersuchung literarischer Verwandtschaftsverhältnisse. Bereits bei Ödipus lässt sich nachlesen, dass die Literatur nicht nur von Eltern und Kindern, sondern auch von Geschwistern bevölkert ist. Um 1800 gibt es dann eine ganze Flut von Geschwistern in der Literatur. Zugespitzt im Zwilling oder Doppelgänger verkörpern sie ein Gegenüber, das weder ganz selbst noch ganz das andere ist. Die titelgebende Geschwister-Logik setzt der vertikalen Abstammungslogik und dem mit ihr verbundenen essentialistischen Subjektverständnis eine Auffassung von Identität entgegen, die auf veränderlichen Größen wie Ähnlichkeit und Differenz beruht. Besonders deutlich wird dies in Darwins »Über die Entstehung der Arten«, wo sich der Stammbaum, der vermeintlich eine gegebene Genealogie rekonstruiert, als Instrument zu deren Konstruktion erweist. Die Abwesenheit ›natürlicher Arten‹, die Notwendigkeit, deren Grenzen selbst zu bestimmen, entpuppt sich für Darwin als mindestens ebenso unheimlich wie die angenommene Verwandtschaft zwischen Mensch und Affe. Stefani Engelstein und Stefan Willer gehen im Gespräch auch gängigen psychoanalytischen Deutungen geschwisterlicher Beziehungen nach und stellen die verbreitete literaturwissenschaftliche Interpretation von Geschwistern als Ersatz für das gleichgeschlechtliche Elternteil auf den Prüfstand. Dabei wird die gängige Lesart von Ismenes Liebe zu ihrer Schwester Antigone als Hysterie und von Antigones Liebe zu ihrem Bruder Polyneikes als Heldentum einer kritischen Überprüfung unterzogen. Im Austausch mit dem Übersetzer André Hansen und der Lektorin Gesa Steinbrink wird deutlich, wie sehr die Diskurse und Traditionen genealogischen Denkens selbst zeit-, orts- und sprachgebunden sind. Besonders deutlich wird das am Umgang mit dem englischen Begriff ›race‹ und seiner Übertragung ins Deutsche. Wie sollen wir mit Kategorien und Trennungen umgehen, die zwar auf menschliche Erfindungen zurückgehen und einer validen naturwissenschaftlichen Grundlage entbehren, aber dennoch das Verhalten und die Lebensgeschichten von Menschen prägen, zu Ungerechtigkeiten führen und reales Leid verursachen? ———————— Stefani Engelstein ist Professor of German Studies und Professor of Gender, Sexuality, and Feminist Studies an der Duke University. Sie war mehrfach zu Gast am ZfL, zuletzt von 2023–2024 als Guggenheim, Fulbright und National Endowment for the Humanities Fellow mit einem Projekt zu »Geschlecht und Gegensatz«. Ihr Buch »Sibling Action: The Genealogical Structure of Modernity« erschien 2017 auf Englisch und wurde 2024 von André Hansen ins Deutsche übersetzt. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und forschte dort zuvor in verschiedenen Projekten zu den Konzepten von Generation und Genealogie, darunter »Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel«. Das Gespräch wurde am 17.7.2024 im ZfL aufgezeichnet. www.zfl-berlin.org
Episode 22: Politik der Wahrnehmung
2024/09/10
Oliver Precht spricht mit Katrin Trüstedt (beide ZfL) über sein Buch »Der rote Faden. Maurice Merleau-Ponty und die Politik der Wahrnehmung« (August Verlag 2023). Darin stellt er den französischen Philosophen und Phänomenologen als politischen Denker vor, von dessen Haltung zur eigenen Gegenwart wir einiges für den Umgang mit den großen Fragen unserer Zeit – von der Klimakrise bis zum Postfaktischen – lernen können. ———————— Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) sah die Aufgabe der Philosophie nicht darin, ›ewige Fragen‹ zu wälzen, sondern sich im Hier und Jetzt zu verorten. Mit seinen Weggefährt*innen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, mit denen er 1945 die Zeitschrift »Les Temps Modernes« gründete, teilte er das Interesse an der Rolle des Intellektuellen im politischen Geschehen. Doch in der Frage des Engagements brach Merleau-Ponty mit Sartre, dem er vorwarf, sich von der historischen Situation zu unkritischen Parteinahmen hinreißen zu lassen, ohne eine kohärente Politik zu verfolgen. Demgegenüber pflegte Merleau-Ponty einen bedächtigeren Politikstil, der durch die ständige selbstkritische Hinterfragung der eigenen Position im jeweiligen historischen Kontext gekennzeichnet war. Diese Haltung der aufmerksamen Wahrnehmung zieht sich als titelgebender roter Faden durch Merleau-Pontys Philosophie. Deren Aktualität verdankt sich Oliver Precht zufolge seinem Nachdenken über Politik und Gegenwart, das von Kritikfähigkeit und Offenheit für unvorhergesehene Begegnungen geprägt ist. Im Mittelpunkt steht dabei der Leib, der sich erst in der Begegnung mit der ihn umgebenden Welt und den sie bevölkernden Wesen ausbildet. Durch den positiven Fokus auf den Leib unterscheidet sich Merleau-Pontys ›Politik der Wahrnehmung‹ von der aufklärerischen Pädagogik eines bestimmten Typs der Modernekritik, der besonders prominent von Bruno Latour vertreten wurde. Davon ausgehend, dass die Moderne von der Illusion einer starren Trennung von Natur und Kultur beherrscht wird, setzte Latour auf eine radikale Revolution des Denkens, die alle Verbindungen zur Moderne kappt. Merleau-Ponty hingegen spürte jenen Strömungen im modernen Denken nach, in denen diese Trennung bereits brüchig ist und liefert damit auch Anknüpfungspunkte für heutige Versuche, die marxistische Trennung der Sphären von Natur und Kultur zu reformieren. Einen solchen Versuch, den roten Faden wiederaufzunehmen und durch die Anknüpfung an moderne Klassenkämpfe weiterzuspinnen, unternahm in seinem gemeinsam mit Nikolai Schultz verfassten Memorandum »Zur Entstehung einer ökologischen Klasse« schließlich auch Latour und zeigte sich dadurch dem Denken Merleau-Pontys näher, als er selbst wohl zugegeben hätte. ———————— Der Philosoph Oliver Precht ist mit dem Projekt »Marx in Frankreich. Die Selbstbestimmung der französischen Theorie (1945–1995)« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2019 promovierte er mit einer Arbeit zur Selbst- und Fremdbestimmung von Heideggers Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Literaturwissenschaftlerin Katrin Trüstedt ist Ko-Leiterin des Programmbereichs Theoriegeschichte am ZfL und forscht dort zur »Politik des Erscheinens«. Zuvor war sie Assistant Professor of Germanic Languages & Literatures an der Yale University und Juniorprofessorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Erfurt. www.zfl-berlin.org
Episode 21: Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts
2024/07/10
Falko Schmieder und Georg Toepfer (beide ZfL) sprechen über das Lexikon »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen«, das seit 2024 kontinuierlich im Open Access im Schwabe Verlag erscheint. Die Einträge analysieren politisch-soziale und kulturelle Schlüsselwörter des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive verschiedener Disziplinen und ermöglichen es so, die Veränderungen kollektiver Einstellungen und politischer Anschauungen nachzuvollziehen. ———————— Wer über Begriffsgeschichte spricht, kommt um die »Geschichtlichen Grundbegriffe« nicht herum. Trat das maßgeblich vom Historiker Reinhart Koselleck verantwortete gleichnamige Lexikon noch mit dem Anspruch an, Großthesen wie die von der Sattelzeit um 1800 zu bestätigen, verfolgen Falko Schmieder und seine Mitherausgeber:innen einen offeneren Ansatz. Sie interessieren sich nicht mehr (nur) für den literarischen und theoretischen Höhenkamm, sondern vor allem für den populären politischen Sprachgebrauch und konsultieren vermehrt Alltagsmedien wie Zeitschriften. Eine weitere Besonderheit des Lexikonprojekts ist seine Interdisziplinarität, die sich bereits an den drei beteiligten Instituten zeigt. Während am IDS in Mannheim Grundbegriffe großer Reichweite und Dauer wie Demokratie oder Kapitalismus in den Blick genommen werden, liegt der Fokus am ZZF in Potsdam auf Zeit- und Prozessbegriffen wie Fortschritt und Innovation. Diese hatten insbesondere in der politischen Umbruchszeit um 1970 Konjunktur, ebenso wie Netzwerk und weitere Begriffe aus dem Bereich der Computer- und Informationstechnologie. Im Zentrum der begriffsgeschichtlichen Forschung am ZfL stehen Begriffe wie Globalisierung, die neben einem veränderten Welt- und Zeitverhältnis auch eine Tendenz zur Verwissenschaftlichung der (politischen) Sprache anzeigen. So untersucht Georg Toepfer, wie sich Diversität im Laufe des 20. Jahrhunderts von einem biologischen Terminus zu einem normativen Konzept entwickelt hat, das aus gesellschaftspolitischen Debatten nicht mehr wegzudenken ist. Solche Wanderbewegungen zwischen Disziplinen und Diskursdomänen zeichnen die Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts allgemein aus, wobei der Sprachgebrauch oft in Spannung zu den gewohnten historiografischen Periodisierungen steht. Die Untersuchung von im Nationalsozialismus bedeutsamen Begriffen legt auch deren teils weit zurückreichenden Vorgeschichten sowie ihren Fortbestand in der Nachkriegszeit offen. Aus heutiger Sicht erklärt die nationalsozialistische Vergangenheit außerdem einige Auslassungen in den »Geschichtlichen Grundbegriffen«. Dazu gehört der Begriff der Grenze, der zwar im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle spielte, aber in der nationalsozialistischen Grund- und Bodenideologie und Ostpolitik zum Kampfbegriff geworden war. Der rasante Bedeutungs- und Konjunkturwandel von Begriffen im 20. und 21. Jahrhundert wirft schließlich die Frage auf, ob es für eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht zu früh ist, ihre Verfasser:innen nicht selbst noch zu gefangen in ihm sind. Hier zeigt sich der Vorteil der Begriffsgeschichte als quellengesättigter Wissenschaft. Denn die durch sie zutage geförderten Belegstellen sind auch unabhängig von der spezifischen Perspektive und Deutung, die ein Lexikoneintrag einnimmt, von historischem Wert. Eine quantitative wie qualitative Neuerung bringen dabei für die Begriffsgeschichte entwickelte digitale Werkzeuge, die es erlauben, in bislang unbekanntem Maß umfassende Textkorpora zu erschließen. ———————— Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen« am ZfL. Er war zuvor u.a. wiss. Mitarbeiter im Projekt »Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte«. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer ist Ko-Leiter des Programmbereichs Lebenswissen am ZfL und leitet dort die Projekte »Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte« und »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften«. www.zfl-berlin.org
Episode 20: Schwarzes Europa, literaturwissenschaftlich
2024/05/22
Gianna Zocco und Sandra Folie (beide ZfL) sprechen über den Band »Sketches of Black Europe in African and African Diasporic Narratives« (2024), der sich mit Imaginationen Europas in afrikanischer und afrodiasporischer Literatur und Kunst beschäftigt. ———————— Die Beiträge eint das Interesse an den Erzählperspektiven Schwarzer Künstler:innen und ihren Überlegungen darüber, was es heißt, europäisch zu sein. Untersucht werden literarische und filmische Werke von Künstler:innen, die auf geteilte Erfahrungen in und mit Europa verweisen. Der transnationale Charakter der Romane und Filme äußert sich dabei nicht nur in den Biographien ihrer Produzent:innen, sondern auch in den wiederkehrenden intertextuellen Bezügen auf kanonische Texte (von Toni Morrison über Frantz Fanon bis May Ayim) sowie einem gemeinsamen Repertoire von Themen, Metaphern und Motiven. Mittels einer dezidiert komparatistischen Betrachtung wird dabei sowohl die Beschränkung auf einzelne Nationalphilologien überwunden als auch die vorherrschende biographisch-soziologische Betrachtung der Werke vermieden. Vielmehr werden gemeinsame Darstellungsverfahren in den Vordergrund gestellt oder literaturgeschichtliche Bezüge sichtbar gemacht, wie es Mahamadou Famanta beispielsweise für Sharon Dodua Otoos Roman »Adas Raum« tut. Der Rede von Europa liegt häufig die implizite Annahme eines ›weißen Kontinents‹ zugrunde. Die Perspektivierung ›Black Europe‹ hingegen erlaubt es den Beiträger:innen, Europa transkultureller und hybrider zu beschreiben und dabei etablierte Vorstellungen und Selbstbilder von Europa und seinem ›Anderen‹ infrage zu stellen. So beispielsweise Dobrota Pucherová, die autobiographische Texte von Tomáš Zmeškal und Obonete S. Ubam daraufhin untersucht, wie sie das im Kalten Krieg vorherrschende Narrativ der tschechischen Gesellschaft als frei von Rassismus erschüttern. Margriet van der Waal konzentriert sich stärker auf genuin sprachliche Fragen, indem sie sich mit der Hybridisierung des als ›europäisch‹ geltenden Afrikaans beschäftigt. Zum Anspruch des Bandes gehört es außerdem, Perspektiven von den europäischen ›Rändern‹ und aus den Provinzen des Kontinents zu berücksichtigen. So untersucht Gianna Zocco, wie es James Baldwin und Vincent O. Carter mittels der literarischen Strategie der Blickumkehr gelingt, die Schweiz zu provinzialisieren. Sandra Folie wiederum analysiert, wie westafrikanische Juju-Rituale und die alpenländische Krampus-Tradition in Sudabeh Mortezais Film »Joy« durch den strategischen Einsatz exotisierender Darstellungsverfahren parallelisiert werden und somit letztlich an der vermeintlich festen Grenze zwischen Europäischem und Nichteuropäischem gerüttelt wird. ———————— Die Komparatistin Gianna Zocco leitet das ERC-Projekt »Schwarze Narrative transkultureller Aneignung: Literarische Akte des Konstruierens afro-europäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen«. Von 2019 bis 2023 war sie mit dem Projekt »Deutschland und seine Geschichte in afroamerikanischer Literatur« Marie-Skłodowska-Curie Fellow am ZfL. Sandra Folie ist ebenfalls Komparatistin. Sie hat zu Labelingpraktiken neuer Welt-Frauen-Literaturen im transkontinentalen Vergleich promoviert und ist seit 2023 Mitarbeiterin im ERC-Projekt. www.zfl-berlin.org
Episode 19: Dokumentarische Ästhetiken
2024/03/20
Matthias Schwartz (ZfL) und Clemens Günther (FU Berlin) sprechen über den Band »Documentary Aesthetics in the Long 1960s in Eastern Europe and Beyond« (Brill 2024). Sie betrachten literarische Formen wie Memoiren, Gerichtsprotokolle und Reiseberichte, aber auch das dokumentarische Theater, neue Spielarten des Dokumentarfilms und Konzeptkunst in Ost- und Westeuropa sowie den USA. ———————— Während in unserem ›postfaktischen‹ Zeitalter radikale Skepsis gegenüber den (sozialen) Medien herrscht, begeisterten sich in den 1960ern viele für die von neuen technischen Geräten wie der Handkamera gebotenen Möglichkeiten, die ›Wahrheit‹ einzufangen. In den Staaten Osteuropas stellten dokumentarische Schreibformen einen Bruch mit den totalisierenden Tendenzen des sozialistischen Realismus dar und erlaubten es, Zeugnis von der stalinistischen Gewaltherrschaft abzulegen, wie es Warlam Schalamow in seinen Schriften über den Gulag tat. Zeitgleich fand Peter Weiss mit seinem dokumentarischen Theater in Westdeutschland Wege zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Anders als häufig angenommen nahmen Künstler:innen in den sozialistischen Staaten regen Anteil an der globalen künstlerischen Entwicklung. Unter den Bedingungen des Tauwetters wurden Werke von Truman Capote, Weiss und anderen westlichen Schriftsteller:innen ins Polnische, Russische oder Tschechische übersetzt und die gemeinsame künstlerische Praxis reflektiert. Im Gegensatz zum Dokumentarismus der 1920er Jahre, der als ›literatura fakta‹ oder Neue Sachlichkeit programmatische Gestalt annahm, lassen sich die dokumentarischen Tendenzen der 1960er jedoch auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Während die avantgardistischen Vorläufer ein instrumentelles Verhältnis zum Dokumentarischen als Mittel zur Belehrung des Neuen Menschen pflegten, dominierte in den 1960ern ein Verständnis des Dokuments als Artefakt und Beweis, dem mit kritischer Distanz begegnet wurde. An dieser Ambivalenz des Dokumentarischen, das Objektivität verspricht und gleichzeitig Ergebnis und Mittel der politischen und künstlerischen Arbeit mit Fakten ist, zeigt sich sein Potential, die vermeintlich starre Opposition von Fakt und Fiktion ins Wanken zu bringen. So kommt etwa in der Autobiographie Aleksandra Brushteins und den Reportagen Ryszard Kapuścińskis allegorischen Erzählweisen dokumentarische Evidenz zu, da sie Möglichkeitsräume zur Verhandlung tabuisierter Aspekte der Gegenwart eröffnen. Die Beschäftigung mit früheren Dokumentarismen macht die komplexen Genealogien heute vielerorts wieder zum Einsatz kommender dokumentarischer Verfahren sichtbar. Das gilt zum Beispiel für die in den 1960er Jahren diskutierte Frage nach den Möglichkeiten ästhetischen Ausdrucks und künstlerischer Intervention in autoritäre Regime des Sprechens und Verschweigens, so wie sie Alexijewitsch in ihrer dokumentarischen Prosa immer wieder vorgeführt hat. Diese Schreibverfahren bekommen derzeit in Ländern wie Russland oder Belarus wieder eine bedrückende Aktualität. In der zeitgenössischen ukrainischen Kunst sind es hingegen häufig dokumentarische Darstellungsweisen, mit denen traumatische Kriegsereignisse zur Sprache gebracht werden. ———————— Der Slawist und Historiker Matthias Schwartz ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL. Dort leitet er die Projekte »Weltfiktionen post/sozialistisch. Literaturen und Kulturen aus Osteuropa« und »Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Populärkultur(en) im östlichen Europa vor dem Krieg«. Der Slawist Clemens Günther ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut der FU Berlin. Dort promovierte er 2019 mit einer Arbeit zu Problematisierungen historischer Erkenntnis in der russischen Gegenwartsliteratur. Er ist Mitglied im DFG-Netzwerk »Russian Ecospheres. Forms of Ecological Knowledge in Russian Literature, Culture and History«. www.zfl-berlin.org

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