Sie nennen sich selbstironisch „2 alte weis(s)e Männer“, die noch etwas zu sagen haben: Dr. Thomas Kirchberg, bis zu seinem Ruhestand Vorstandsmitglied eines Industrieunternehmens, und Michael Reinhard, zuletzt 21 Jahre lang Chefredakteur der Main-Post in Würzburg. In ihrer aktuellen Mutmacher-Staffel geht es jeden Freitag um das, was in aufgewühlten Zeiten besonders kostbar ist: Orientierung, Zuversicht und Mut. Wo liegen Lösungen? Was macht Mut? Was gibt konkreten Anlass zur Zuversicht? Antworten darauf suchen die beiden alten wei(s)sen Männer bei Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die klug einordnen, Orientierung geben – und für die eine hoffnungsvolle Zukunft keine Utopie ist. Wir lehnen Häme und Verunglimpfung gegenüber Andersdenkenden ab und werben in „2alte wei(s)se Männer“ für Respekt, Toleranz und Offenheit.
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Daniel Dettling: Zukunft ist, was wir daraus machen
2026/10/08
Vor fünf Jahren hat Daniel Dettling Wetten auf die Zukunft abgeschlossen: Die Welt werde friedlicher, Wirtschaft und Ökologie ließen sich versöhnen, die Demokratie werde sich behaupten. Seitdem gab es Krieg in Europa und neue Konflikte im Nahen Osten. Würde er diese Wetten heute noch einmal eingehen? Ja – weil Dettling in Zeiträumen von 15 bis 20 Jahren denkt, nicht in Nachrichtentagen.
Possibilismus statt Pessimismus. Pessimisten haben immer recht – entweder, weil es eintrifft, oder weil sie sagen, ihre Warnung habe es verhindert. Optimisten sind oft naiv. Der Possibilist liegt dazwischen: Er fragt nicht, ob die Zukunft gut wird, sondern was möglich ist – und was wir dafür tun müssen.
Deutschland, Weltmeister im Pessimismus. International liegt Deutschland beim Thema Zuversicht ganz unten. Dettling nennt das den „Immerschlimmerismus" — und hält ihn für unverantwortlich gegenüber der nächsten Generation.
Die Wette: Die Welt wird friedlicher. Dettling sieht im Ukraine-Krieg das letzte Aufbäumen eines Imperiums. Europa sei heute stärker und einiger als vor dem Krieg, das Vertrauen in die EU gestiegen.
Die Wette: Die Demokratie gewinnt. Aktuell überwiegen autoritäre Trends. Aber die Sehnsucht nach Freiheit lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. Dettling zitiert Tocqueville: Wer gegen die Demokratie kämpft, kämpft gegen Gott.
AfD und Brandmauer. Die Brandmauer allein helfe nicht, wenn das Feuer größer werde. Entscheidend sei, die Probleme zu lösen, die Menschen beschäftigen. Die AfD profitiere vom Versagen der demokratischen Mitte.
Migration als Erfolgsgeschichte. Ohne Zuwanderung hätte Deutschland keinen Beschäftigungszuwachs der letzten Jahre gehabt. Diese Seite der Debatte komme viel zu kurz.
Der Mutmacher. Was ihm persönlich Zuversicht gibt? Seine drei Kinder, Gespräche mit Menschen – und die Erkenntnis, dass man sich auch mit 55 noch verändern kann.
Über den Gast: Dr. Daniel Dettling ist Jurist, Politikwissenschaftler und Zukunftsforscher. Er gründete das Institut für Zukunftspolitik und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts. Sein Buch „Eine bessere Zukunft ist möglich" erschien 2021 im Kösel-Verlag.
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Rangar Yogeshwar: Wahlergebnisse, Veränderungsangst - was jetzt wirklich zählt
2026/09/21
Der 21. September 2026 — einen Tag nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die Ergebnisse sind noch frisch, die Eindrücke noch ungefiltert. Genau in diesem Moment sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Ranga Yogeshwar über den großen Umbruch. Und das Gespräch beginnt dort, wo es niemand erwartet: beim Podcasttitel selbst.
Yogeshwar — Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin — sagt offen, dass er in Zeiten wie diesen manchmal frage, ob seine Hautfarbe anfange, plötzlich relevant zu werden. Es ist ein Moment, der das Gespräch sofort auf eine andere Ebene hebt. Nicht Theorie, sondern gelebte Realität.
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Veränderung wollen — aber was loslassen?
Wir wollen, dass vieles besser wird: wie wir arbeiten, lernen, leben. Aber sobald sich der eigene Alltag verändern soll, wird es schwieriger. Yogeshwar erklärt, warum Veränderung immer auch Verlust bedeutet — und warum das kein Fehler ist, sondern menschlich.
Die Wahlergebnisse als Spiegel.
Die AfD stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern. Die Linke als Wahlsieger in Berlin. Yogeshwar ordnet den AfD-Erfolg ein: Das sei kein isoliertes deutsches Phänomen, sondern Teil einer breiteren europäischen Tendenz — von Frankreich bis Italien. Ein Teil der Bevölkerung sehne sich nach etwas. Nach Stabilität. Nach gesehen werden. Nach nationaler Sortenreinheit. Er nennt es befremdlich — aber nicht überraschend.
Der blinde Fleck der Toleranz.
Yogeshwar rechnet auch mit einer naiven Selbstwahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft ab: Wir dachten, wir seien so multikulturell und tolerant — aber wer wie er einen empfindlicheren Seismographen habe, spürte schon lange, was sich zusammenbraut. Das sei kein Angriff, sondern ein Hinweis.
Die Update-Gesellschaft.
Yogeshwars Kernbegriff: Wir müssen lernen, uns permanent zu aktualisieren — nicht als Selbstzweck, sondern weil die Welt sich verändert, ob wir wollen oder nicht. Auch Werte bekommen ein Update. Die junge Generation hat andere Werte als die Generation der weißen und weisen Männer. Und das, sagt Yogeshwar, ist völlig okay.
Haftung statt Freistempel.
Was im Umgang mit KI fehlt: Verantwortung. Niemand dürfe sich einen Freifahrtschein holen und einfach weitermachen. Vom Landesgesetz bis zur europäischen Regulierung — Yogeshwar fordert klare Regeln, Prüfung und Konsequenz.
Der Mutmacher-Ausblick.
Yogeshwar ist kein ängstlicher Mensch — das betont er selbst. Er glaubt an die Kraft der Offenheit, der Neugier, des Mitgestaltens. Nicht zuschauen, nicht reagieren, wenn andere handeln. Sondern selbst anfangen. Im Kleinen. Jetzt.
Über den Gast:
Ranga Yogeshwar, geboren 1959 in Luxemburg, ist Diplom-Physiker, Wissenschaftsjournalist und Autor. Bekannt durch „Quarks & Co", „Kopfball" und „Die große Show der Naturwunder". Über 60 Auszeichnungen, darunter Bundesverdienstkreuz und Ehrendoktorwürde der Universität Wuppertal. Vier Kinder, vier Enkelkinder.
Über uns
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Jutta Allmendinger: Ungleichheit ist kein Schicksal. Sie ist die Summe politischer Entscheidungen.
2026/09/17
Zwei Drittel der Deutschen finden, dass es in ihrem Land ungerecht zugeht. Jutta Allmendinger wundert sich, dass es nicht mehr sind. Denn wer die Daten kennt — zu Bildung, Einkommen, Chancen, Erbschaft — der weiß: Ungleichheit in Deutschland ist kein Zufall. Sie ist die Summe politischer Entscheidungen. Und sie wächst.
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Der Wahltag als Ausgangspunkt. Das Gespräch beginnt mit dem Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt. Allmendinger ist besorgt – wegen möglicher Folgen für Bildung, Wissenschaft, Geschlechtergerechtigkeit und die offene Gesellschaft. Und sie warnt vor einem weiteren Effekt: Andere Parteien könnten sich Sprache und Ton der AfD zunehmend zu eigen machen. Wer glaube, man müsse „mit gleichen Mitteln“ zurückschlagen, begehe einen Fehler. Solche Sprachformen, sagt Allmendinger, könnten sehr schnell zu Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten führen.
Warum Ungleichheit wächst. Ungleichheit vererbt sich – über Bildung, aber zunehmend auch über Vermögen. Weil Familien kleiner werden, verteilt sich das Erbe auf weniger Kinder. Immobilien und Vermögen verstärken damit Unterschiede zwischen den Generationen. Allmendinger nennt das „intergenerationale Schließung“ – und hält diesen Zusammenhang für unterthematisiert. Auch im Ost-West-Vergleich spielt das Erbe aus ihrer Sicht eine wichtige Rolle.
Warum Kinder keine Lobby haben. Das politisch stärkste Argument: Eltern junger Kinder haben keine politische Macht. Es gibt keine starken Interessensverbände, die so gehört werden wie die Rentenlobby. Auf kaum einem Wahlplakat des letzten Wahlkampfs war die Familie zu sehen.
Was jetzt getan werden müsste. Allmendingers klare Forderung: Investitionen in frühe Bildung, nicht in späte Reparatur. Nur 36 Prozent der unter Zweijährigen seien in einer Kita — ausgerechnet die Kinder, die es am meisten bräuchten, seien es am wenigsten. Sprache, Selbstwirksamkeit, Freude am Lernen entstehen in den ersten Lebensjahren.
Der Mutmacher-Ausblick. Allmendinger erzählt von Berliner Problemschulen, die in fünf Jahren zu Vorzeigeprojekten wurden. Von einem Land, das alle Ressourcen hätte, gerechter zu werden. Ihr Schlussgedanke: Wir haben keine Erkenntnisdefizite. Wir haben ein Umsetzungsdefizit. Das ist keine schlechte Nachricht — das ist eine Einladung.
Über die Gästin: Prof. Dr. Jutta Allmendinger ist Soziologin und Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2007 bis 2024 war sie Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Mitherausgeberin der ZEIT. Autorin von „Es geht nur gemeinsam!" (Ullstein).
Unser Buch zur Staffel:
„2 alte wei(s)se Männer: Mutmacher für schwere Zeiten — was hoffen lässt" ist im Buchhandel und auf allen gängigen Plattformen erhältlich.
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Ahmad Mansour: Wenn Wut zu Hass wird — Extremismus und die offene Gesellschaft
2026/09/03
Ein Datum, ein Ort, eine Frage, die nicht loslässt. Christopher Street Day, Berlin, Juli 2026. Ein islamistisch motivierter Anschlag auf Menschen, die feiern wollten. Der Täter war bekannt, galt als Hochrisikogefährder — und war trotzdem auf freiem Fuß. Unser heutiger Gast Ahmad Mansour hat anschließend gefragt: Wie lange wollen wir noch wegsehen?
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Der Anschlag und das Systemversagen. Mansour war nach dem CSD-Anschlag nicht überrascht — er war enttäuscht. Enttäuscht, weil er seit Jahren vor einer Radikalisierungswelle warnt, die für alle sichtbar ist. Er analysiert, was auf mehreren Ebenen gleichzeitig schiefgelaufen ist: Ein Attentäter, der in Berlin aufgewachsen ist und unsere Schulen besucht hat. Ein Hochrisikogefährder, der nach einem versuchten IS-Anschluss mit einer Bewährungsstrafe davonkam. Deradikalisierungskurse als Ersatz für Haft — ein Konzept, das laut Mansour grundlegend falsch gedacht ist. Seine klare These: Deradikalisierung funktioniert nur parallel zur Strafe, nicht als Alternative.
Wie Radikalisierung wirklich entsteht — und Mansours eigene Geschichte. Der bewegende Moment dieser Folge: Mansour erzählt, wie er selbst mit 13 Jahren in eine islamistische Gruppe geriet. Er war Streber, wurde gemobbt, saß in seinem Zimmer und weinte. Der Einzige, der es merkte, war der Imam von nebenan — der ihm Halt, Zugehörigkeit und das Gefühl gab, zu einer Elite zu gehören. In fünf Jahren in dieser Gruppe hatte er nicht eine Sekunde das Gefühl, radikal zu sein. Erst an der Universität Tel Aviv, umgeben von Menschen, die nicht seinen Vorurteilen entsprachen, begann der Weg zurück. Seine Botschaft: Radikalisierung entsteht in Leerstellen — dort, wo jemand sucht und niemand antwortet. Außer den Falschen.
Das persönliche Gewicht: Leben unter Polizeischutz. Seit über zehn Jahren lebt Mansour unter Personenschutz. Er beschreibt, was das wirklich bedeutet: eine Tochter, die zwei Jahre lang nicht alleine in ihrem Zimmer schlafen wollte. Die tägliche Frage, ob es sich lohnt. Energie, die es jeden Tag kostet, weiterzumachen. Und doch: Er ist dankbar für einen Rechtsstaat, der ihn schützt — und findet Kraft in den Begegnungen mit jungen Menschen in Schulen, die am Ende einer Veranstaltung noch länger bleiben wollen, um weiterzudiskutieren.
Der Mutmacher-Ausblick. Krisenzeiten, sagt Mansour, sind auch Zeiten, in denen Chancen entstehen. Demokratie ist nicht selbstverständlich und wird nicht vererbt — sie muss jeden Tag neu erkämpft werden. Wenn Schulen Medienkompetenz lehren, wenn Kinder lernen, zwischen Desinformation und Wahrheit zu unterscheiden, wenn wir wieder anfangen, eine positive Geschichte über dieses Land zu erzählen — dann sind wir auf dem richtigen Weg.
Über den Gast: Ahmad Mansour ist Diplom-Psychologe, Extremismusforscher und Autor. Er wurde 1976 als arabischer Israeli geboren, lebt seit 2004 in Berlin. Mansour ist Mitglied des Expertengremiums zur Islamismus-Bekämpfung beim Bundesinnenministerium und Gründer von Mind Prevention. Sein neues Buch „Haltung ohne Hass" ist gerade erschienen. Für seine Arbeit wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Moses-Mendelssohn-Preis und dem Johanna-Eck-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Heute begleitet er Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und verurteilte Terroristen.
Unser Buch zur Staffel: „2 alte wei(s)se Männer: Mutmacher für schwere Zeiten — was hoffen lässt" ist im Buchhandel und auf allen gängigen Plattformen erhältlich.
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Benjamin Höhne: Was eine AfD-Regierung bedeuten würde
2026/08/21
Der 6. September 2026 ist kein abstraktes Datum. An diesem Tag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag — und die Umfragen sehen die AfD mit rund 41 Prozent als klare Favoritin. Das wäre mehr als eine Verdoppelung des Ergebnisses von 2021. Erstmals seit 1945 steht Deutschland vor der Möglichkeit, dass eine Partei, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, Regierungsverantwortung auf Landesebene übernimmt.
Michael Reinhard und Thomas Kirchberg sprechen in dieser Folge mit Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz und einem der profiliertesten Kenner ostdeutscher Politik. Höhne forscht zu Parteien, Populismus und dem Regierungssystem der Bundesrepublik — mit besonderem Fokus auf Ostdeutschland. Er ist in Lutherstadt Wittenberg geboren, kennt Sachsen-Anhalt von innen — und analysiert die Lage nüchtern, ohne zu dramatisieren oder zu verharmlosen.
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Wie wahrscheinlich ist eine AfD-Regierung — und in welcher Form?
Höhne erklärt, warum die AfD trotz 41 Prozent Stimmenanteil keine absolute Stimmenmehrheit braucht, um eine absolute Mandatsmehrheit zu erringen — und welche Rolle das BSW dabei spielt. Er schildert drei mögliche Szenarien: AfD-Alleinregierung, AfD mit BSW-Unterstützung, CDU-Minderheitsregierung — und was jeweils dafür und dagegen spricht.
Was eine AfD-Regierung konkret verändern würde:
Nicht die Migrationspolitik — die ist Bundesangelegenheit. Sondern die Bereiche, die tatsächlich Ländersache sind: innere Sicherheit, Bildung, Kultur, Wissenschaft. Höhne benennt konkret: geplante „Bürgerwehren“ beim Ordnungsamt, ein „Corona-Tribunal" für Richter und Beamte, Abschaffung der Schulpflicht, Eingriffe in Hochschulberufungen, Kürzung der Zivilgesellschaftsfinanzierung — und den erklärten Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Schützt uns das Grundgesetz — oder droht der Ungarn-Effekt?
Höhne differenziert: Deutschland ist eine Konsensdemokratie mit vielen Vetospielern — das macht schnelle Machtübernahmen schwierig. Aber: Verfassungsinstitutionen sind nur so stark wie ihr Rückhalt in der Bevölkerung. Und der ist im Osten strukturell schwächer — nicht weil Ostdeutsche per se rechtsextremer eingestellt wären, sondern weil Zivilgesellschaft, Kirchen und Gewerkschaften dort weniger tief verwurzelt sind.
Was die Demokratie stark macht — und was jetzt zu tun ist:
Höhne plädiert für eine deutlich stärkere Brandmauer, kritisiert Medien für die Normalisierung der AfD durch zu viele Talkshow-Einladungen und warnt davor, AfD-Themen zu übernehmen — das stärkt die Originale, nicht die Kopien. Und er macht einen konkreten Vorschlag: Wer noch Zeit hat, soll nach Sachsen-Anhalt fahren und vor Ort für demokratische Parteien werben.
Der Mutmacher-Ausblick:
Höhne glaubt, dass viele Menschen — auch solche, die Rechtsaußen gewählt haben — spüren, dass einfache Konzepte die großen Herausforderungen nicht lösen. Eine vielfältige Gesellschaft bringt die besten Voraussetzungen für neue Ideen. Parteien müssen mutiger werden. Und die Zivilgesellschaft muss sie dabei begleiten — und darf sie nicht allein lassen.
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Julia Reuschenbach: Kann wertschätzende Debattenkultur unsere Demokratie stärken?
2026/07/30
Warum fällt es uns immer schwerer, miteinander zu streiten, ohne uns gegenseitig abzuwerten? Weshalb werden Kompromisse heute oft als Schwäche verstanden – obwohl sie das Herzstück jeder Demokratie sind? Und wie können wir wieder zu einer Debattenkultur finden, die verbindet statt spaltet?
Darüber sprechen wir mit Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin, Demokratieforscherin und Expertin für Parteien, politische Kommunikation und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gemeinsam mit dem Journalisten Korbinian Frenzel hat sie das Buch „Defekte Debatten – Warum wir als Gesellschaft besser streiten müssen“ veröffentlicht.
Im Gespräch erklärt Julia Reuschenbach, warum Debatten nicht deshalb scheitern, weil wir unterschiedliche Meinungen haben, sondern weil wir immer häufiger in Feindbildern statt in Argumenten denken. Sie beschreibt, weshalb Verantwortung nicht nur bei Politikerinnen und Politikern liegt, sondern ebenso bei Medien und bei uns allen als Teil der Öffentlichkeit.
Dabei geht es nicht nur um die Diagnose. Julia Reuschenbach zeigt auch Wege auf, wie demokratische Debatten wieder gelingen können: durch mehr analoge Begegnungen, ehrliche Kompromissbereitschaft, politische Verantwortung und die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten.
In dieser Folge geht es um:
Warum Debatten heute häufig schon beginnen, bevor überhaupt Argumente ausgetauscht werden.
Weshalb Verantwortung bei Politik, Medien und Bürgerinnen und Bürgern liegt.
Warum Kompromisse keine Niederlagen, sondern demokratische Stärke sind.
Weshalb analoge Begegnungen Polarisierung abbauen können.
Warum Vereinfachung selten gute Politik hervorbringt.
Wie wir wieder lernen können, fair zu streiten, ohne den anderen zum Gegner zu machen.
Ein Gespräch über Streitkultur, Verantwortung, Demokratie – und darüber, warum guter Streit nicht trennt, sondern die Grundlage einer lebendigen Demokratie ist.
📖 BuchtippJulia Reuschenbach & Korbinian Frenzel:
Defekte Debatten – Warum wir als Gesellschaft besser streiten müssen
Suhrkamp Verlag
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Harald Welzer: Warum Demokratie mehr Gefühle braucht als gute Argumente
2026/07/16
Unsere Demokratie steht unter Druck. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Vertrauen schwindet, gesellschaftlicher Zusammenhalt brüchig wird und Politik die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr erreicht. Doch woran liegt das eigentlich? Und was macht trotzdem Hoffnung?
Darüber sprechen wir mit Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe, Publizist und einer der bedeutendsten Gesellschaftsdenker im deutschsprachigen Raum. Sein zentraler Gedankengang: Demokratie lebt nicht allein von Institutionen oder Argumenten – sie lebt von Vertrauen, Zugehörigkeit und Zuversicht.
Im Gespräch erklärt Welzer, warum Angst zwar das stärkste politische Gefühl ist, warum Populisten genau davon profitieren und weshalb demokratische Politik die emotionale Ebene häufig unterschätzt. Er beschreibt, wie schleichend Erwartungssicherheit verloren gegangen ist, warum viele Menschen sich von der Politik nicht mehr verstanden fühlen und weshalb Vertrauen die eigentliche Währung einer funktionierenden Demokratie ist.
Doch dieses Gespräch bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Harald Welzer zeigt auch, warum unsere Gesellschaft sehr viel widerstandsfähiger ist, als sie oft erscheint. Er spricht über die enorme Kraft des Ehrenamts, über sein Projekt „Wohnzimmer der Gesellschaft“, über Orte der Begegnung und darüber, warum wir wieder viel häufiger Geschichten des Gelingens erzählen sollten.
In dieser Folge geht es unter anderem um:
Warum Angst politisch so wirkungsvoll ist
Weshalb Vertrauen wichtiger ist als perfekte Programme
Warum Populisten von den Fehlern der anderen leben
Die stille Stärke der demokratischen Mehrheit
Wie Begegnung Einsamkeit und Polarisierung überwinden kann
Weshalb wir mehr über das Gelingen unserer Gesellschaft sprechen sollten
Ein Gespräch über Demokratie, Vertrauen, Gemeinschaft – und darüber, warum Zuversicht keine naive Haltung, sondern eine gesellschaftliche Ressource ist.
Buchtipp
📖 Harald Welzer: Das Haus der Gefühle
Warum Demokratie nicht nur von Vernunft, sondern vor allem von Vertrauen, Zugehörigkeit und gemeinsamen Gefühlen lebt. Verlag: S. FISCHER, 304 Seiten.
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Tim Breitbarth: Warum Nachhaltigkeit mehr sein muss als ein Versprechen
2026/07/02
Unternehmen stehen längst unter Dauerbeobachtung: von Kundinnen und Kunden, Mitarbeitenden, Medien, NGOs, Politik und Investoren. Wer Verantwortung verspricht, muss zeigen können, was davon wirklich im Geschäftsmodell steckt — und was nur Kommunikation ist.
In dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Tim Breitbarth, Professor für Nachhaltiges Management und Corporate Social Responsibility an der CBS International Business School in Köln.
Tim Breitbarth macht deutlich: Unternehmen müssen nicht perfekt sein. Aber sie müssen sich ernsthaft mit ihrer Verantwortung auseinandersetzen. Entscheidend ist, ob Nachhaltigkeit im Unternehmen wirklich verankert ist — in Strategie, Lieferketten, Kommunikation, Kultur und alltäglichem Handeln.
Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Kurzfristigkeit und Langfristigkeit. Gerade in Krisenzeiten geraten langfristige Fragen wie Klimaschutz, ökologische Grenzen und gesellschaftliche Verantwortung schnell unter Druck. Breitbarth warnt davor, diese Themen beiseitezuschieben: Die Probleme verschwinden nicht, nur weil sie politisch gerade weniger prominent diskutiert werden.
Außerdem geht es um die Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeitskommunikation. Wann ist sie seriös? Wann wird sie Greenwashing? Und wie können Unternehmen offen über Ziele sprechen, auch wenn sie noch nicht alles erreicht haben?
Der Mutmacher dieser Folge: Nachhaltigkeit ist nicht nur Risiko, Pflicht oder Berichtswesen. Sie kann Unternehmen widerstandsfähiger, innovativer und glaubwürdiger machen — wenn sie ernsthaft gelebt wird.
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Sabine Pfeiffer: Kollege KI oder Jobkiller – wie bedroht unsere Arbeitsplätze sind
2026/06/18
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt – aber sie tut es anders, als viele Schlagzeilen vermuten lassen. In dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Prof. Dr. Sabine Pfeiffer über KI zwischen Hype, Hoffnung und Jobangst – und darüber, warum die Zukunft der Arbeit nicht allein von Algorithmen entschieden wird.
Sabine Pfeiffer ist Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Technik, Arbeit, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Ihr Blick auf KI ist wohltuend nüchtern: Weder Technikrausch noch Untergangsstimmung helfen weiter. Entscheidend ist, was KI in konkreten Arbeitsprozessen tatsächlich leisten kann – und was ihr im Moment nur zugeschrieben wird.
Gleich zu Beginn widerspricht Pfeiffer einer verbreiteten Erzählung: Die optimistische und die dystopische Sicht auf KI hätten oft denselben Kern – beide gingen davon aus, KI sei allmächtig. Für Pfeiffer liegt genau darin die größte Fehleinschätzung: Wir überschätzen häufig, was KI kann, und unterschätzen gleichzeitig die Komplexität menschlicher Arbeit. Viele Tätigkeiten bestehen eben nicht nur aus klar abgrenzbaren Routinen, sondern aus Erfahrungswissen, Improvisation, Verantwortung, Kommunikation und situativem Können.
Im Gespräch wird deutlich: Unternehmen gehen sehr unterschiedlich mit KI um. Manche warten ab, andere probieren fast alles aus, was der Markt anbietet. Besonders kritisch sieht Pfeiffer Projekte, die nicht mit der Frage beginnen: Welches Problem wollen wir eigentlich lösen? Stattdessen werde häufig ein Tool eingeführt und erst danach nach einem passenden Anwendungsfall gesucht. So entstünden viele teure Pilotprojekte, die über einen „Proof of Concept“ nicht hinauskommen.
Ein zentraler Punkt der Folge: KI ersetzt selten ganze Berufe, sondern verändert Tätigkeiten. Das klingt nach Entwarnung, ist aber keine Verharmlosung. Denn Arbeit verändert sich ständig – durch Technik, Organisation, Märkte und neue Anforderungen. Entscheidend ist, ob Beschäftigte auf eine einzelne Tätigkeit reduziert sind oder ob ihr Beruf aus vielen Facetten besteht. Je breiter, erfahrungsreicher und vielfältiger Arbeit organisiert ist, desto weniger lässt sie sich einfach automatisieren.
Der Mutmacher dieser Folge liegt in Pfeiffers Vertrauen in die Menschen. Deutschland habe mit seiner beruflichen Ausbildung eine enorme Stärke: Millionen Beschäftigte, die Praxis und Theorie verbinden, Fachwissen mit Erfahrung koppeln und Veränderungen im Alltag konkret bewältigen. Oft könnten Menschen mehr, als sie an ihrem Arbeitsplatz zeigen dürfen. Genau darin sieht Pfeiffer einen großen Grund zur Zuversicht.
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Sabine Kuhlmann: Welche Staatsreformen sind den Menschen zuzumuten?
2026/06/04
Was trauen Staat und Politik den Bürgerinnen und Bürgern eigentlich noch zu – und was trauen die Bürger dem Staat noch zu? In dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Prof. Dr. Sabine Kuhlmann über Staatsmodernisierung, Verwaltungsreform, Bürokratie, Digitalisierung und die Frage, warum viele Menschen den Staat im Alltag nicht mehr als handlungsfähig erleben.
Sabine Kuhlmann ist Verwaltungswissenschaftlerin an der Universität Potsdam und eine der profiliertesten Stimmen in Deutschland, wenn es um die Leistungsfähigkeit öffentlicher Institutionen, Föderalismus, Verwaltungsdigitalisierung und bessere Rechtsetzung geht. Ihr Befund zu Beginn: Es gibt viele gute Reformideen – aber die Umsetzung bleibt zu oft schleppend. Genau dadurch entsteht bei Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl, dass vieles versprochen, aber zu wenig sichtbar eingelöst wird.
Im Gespräch macht Kuhlmann deutlich: Die Unzufriedenheit mit dem Staat ist nicht nur ein Gefühl. Gerade dort, wo Verwaltung direkt mit Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt kommt – auf kommunaler Ebene, in Bürgerämtern, bei Anträgen, Genehmigungen oder Sozialleistungen – zeigen sich reale Überlastung, Fachkräftemangel, zu viele neue Aufgaben und eine weiterhin zu langsame Digitalisierung. Der Frust entlädt sich oft an den Menschen in der Verwaltung, obwohl die Ursachen häufig in überkomplexen Strukturen, wachsender Regulierung und politisch gesetzten Aufgaben liegen.
Ein zentrales Thema ist die Frage, ob Deutschland bei Regeln und Verfahren nicht zu oft versucht, jede Einzelfallgerechtigkeit bis ins Detail abzubilden – und dadurch am Ende neue Ungerechtigkeit erzeugt. Kuhlmann argumentiert: Wenn Ansprüche, Zuständigkeiten und Verfahren so kompliziert werden, dass selbst Berechtigte ihre Leistungen nicht mehr beantragen oder verstehen, entsteht ein echtes Gerechtigkeitsproblem. Mehr Pauschalierung, einfachere Regeln, digitale Verfahren und gebündelte Zuständigkeiten könnten deshalb nicht weniger, sondern mehr Gerechtigkeit schaffen.
Auf die Frage, wo eine Bundesregierung konkret ansetzen sollte, nennt Kuhlmann drei große Hebel: erstens Strukturen vereinfachen und Aufgaben bündeln, zweitens die Verwaltungsdigitalisierung konsequent voranbringen und drittens Gesetze von Anfang an praxistauglicher machen.
Der Mutmacher dieser Folge: Es gibt Ansatzpunkte zur Modernisierung. Es gibt gute Ideen, ein neues Bewusstsein für das Thema, ein eigenes Digital- und Staatsmodernisierungsministerium und viele junge Menschen, die sich für Politik, Verwaltung und Reformen interessieren. Kuhlmanns Zuversicht liegt genau darin: dass eine neue Generation mit frischem Blick, mehr digitaler Selbstverständlichkeit und vielleicht auch etwas mehr Radikalität Dinge voranbringen kann.
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Ronja von Wurmb-Seibel: Wie Verbundenheit Mut macht
2026/05/21
Kriege, Klimawandel, politische Erschütterungen, gesellschaftliche Gereiztheit – und dazu ein Nachrichtenstrom, der kaum noch Pausen kennt. Viele Menschen leben inzwischen mit einem Dauerkrisengefühl: nicht immer im Panikmodus, aber in ständiger Anspannung. Genau darüber sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg in dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ mit Ronja von Wurmb-Seibel.
Sie ist Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Wurmb-Seibel studierte Politikwissenschaften in München, arbeitete zunächst als Redakteurin im Politikressort der ZEIT und machte sich 2013 selbständig. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Arbeit als Reporterin in Kabul. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. In ihrem Bestseller „Wie wir die Welt sehen“ beschäftigt sie sich damit, wie Nachrichten unser Denken prägen – und wie wir lernen können, die Welt wahrzunehmen, ohne an ihr zu verzweifeln. Außerdem hat sie mit „Zusammen“ ein Buch und einen Film vorgelegt, in denen es um die Kraft von Verbundenheit geht.
Im Gespräch beschreibt Ronja von Wurmb-Seibel, was negative Nachrichten mit uns machen können: Ohnmacht verstärken, Rückzug fördern und das Gefühl erzeugen, die Welt werde immer schlechter – und wir könnten nichts daran ändern. Gleichzeitig macht sie deutlich: Es geht nicht darum, wegzuschauen oder sich von Krisen nicht mehr berühren zu lassen. Entscheidend sei vielmehr, neben dem Problem immer auch nach dem nächsten möglichen Schritt zu suchen. Ihre Formel dafür: „Scheiße plus X“ – also: Was ist der erste kleine Schritt in Richtung Lösung?
Ein zentrales Thema der Folge ist Verbundenheit. Für Ronja von Wurmb-Seibel ist sie weit mehr als Trost. Verbundenheit ist ein konkreter Hebel gegen Ohnmacht – im Privaten wie im Politischen. Sie spricht von „Mini-Demokratien“: Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften, Vereine, Teams. Je stabiler diese kleinen Räume des Miteinanders sind, desto stabiler kann auch die Demokratie als Ganzes werden.
Außerdem geht es um Mut. Mut entsteht nicht nur durch große Gesten, sondern oft durch kleine Schritte: den Mund aufmachen, wenn Menschen abgewertet werden; ein Gespräch beginnen; sich engagieren; an Türen klingeln; zuhören, ohne den anderen sofort überzeugen zu wollen. Ronja von Wurmb-Seibel erzählt von ihrer eigenen politischen Kandidatur und davon, wie sehr direkte Gespräche mit Menschen ihr Bild von Gesellschaft verändert haben.
Am Ende bleibt ein klarer Mutmacher-Gedanke: Wir sind nicht so ohnmächtig, wie es sich manchmal anfühlt. Es gibt immer einen nächsten Schritt. Und oft beginnt er dort, wo Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen.
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Marcel Fratzscher: Was unseren Sozialstaat wirklich heilt
2026/05/07
In dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Prof. Marcel Fratzscher über den Zustand des deutschen Sozialstaats, über Zukunftsangst, Verteilungskämpfe und die Frage, warum Reformen in Deutschland so schwerfallen.
Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er mischt sich seit Jahren pointiert in Debatten über Chancengleichheit, Vermögensverteilung, Steuern, Bildung, Arbeit und sozialen Zusammenhalt ein.
Gleich zu Beginn beschreibt Fratzscher, was ihm aktuell am meisten Sorge macht: weniger ein einzelnes politisches Problem als eine „mentale Depression“ in Deutschland – eine gesellschaftliche Lähmung, die Veränderung erschwert. Deutschland sei stark auf Stabilität, Konsens und den Status quo ausgerichtet. Das habe über Jahrzehnte gut funktioniert, stoße aber in Zeiten globaler Umbrüche, technologischen Wandels und demografischer Alterung an Grenzen.
Fratzscher betont unter anderem, Deutschland habe einen starken Sozialstaat, aber er müsse dringend reformiert werden. Besonders die Alterung der Gesellschaft setze Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem unter massiven Druck. Die Zahl der Beitragszahler im Verhältnis zu Rentnerinnen und Rentnern sinke deutlich – und damit werde die Frage der Finanzierbarkeit immer drängender.
Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Ehrlichkeit. Fratzscher kritisiert, dass Politik den Bürgerinnen und Bürgern häufig mehr verspreche, als dauerhaft finanzierbar sei. Notwendig seien offene Debatten über Zumutungen, Verantwortung und faire Lastenteilung. Reformen könnten nur gelingen, wenn nicht einzelne Gruppen gegeneinander ausgespielt würden – etwa Jung gegen Alt, Erwerbstätige gegen Bürgergeldempfänger oder Einheimische gegen Geflüchtete.
Ein wichtiger Gedanke des Gesprächs: Nicht jede empfundene Ungerechtigkeit ist automatisch ein systematisches Gerechtigkeitsproblem.
Als zentrale Reformfelder nennt Fratzscher drei große Bereiche: eine Sozialstaatsreform, eine Steuerreform und ein stärkeres Europa. Beim Sozialstaat gehe es darum, Rente, Pflege und Gesundheit zukunftsfest zu machen. Beim Steuersystem kritisiert er, dass Arbeit in Deutschland sehr stark belastet werde, während Vermögen vergleichsweise gering besteuert würden. Und Europa sieht er als entscheidenden Rahmen, um wirtschaftliche Stärke, Sicherheit und Handlungsfähigkeit in einer global unruhigen Welt zu bewahren.
Eine Folge über Reformstau und Verantwortung, über soziale Marktwirtschaft und Generationengerechtigkeit – und über die Frage, wie aus Zukunftsangst wieder Zukunftsvertrauen werden kann.
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Ann Cathrin Riedel: Wie Verwaltung besser funktioniert
2026/04/23
In dieser Folge von „2 alte wei(s)e Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit Ann Cathrin Riedel über ein Thema, das viele nervt – und zugleich darüber entscheidet, ob ein Staat im Alltag funktioniert: Digitalisierung und Entbürokratisierung. Schon zu Beginn wird klar, worum es eigentlich geht: um Formulare, Zuständigkeiten, Medienbrüche, lange Wartezeiten – und um die Frage, warum Verwaltung für viele Menschen eher Hürde als Hilfe ist.
Ann Cathrin Riedel, Geschäftsführerin von NExT e.V. und eine der profiliertesten Stimmen für Verwaltungsmodernisierung in Deutschland, beschreibt, warum das Bild vom komplett rückständigen Staat zu pauschal ist. Vieles funktioniere längst besser, als man gemeinhin glaube – nur eben sehr unterschiedlich, je nach Kommune, Lebenslage und konkretem Kontakt mit Behörden. Gleichzeitig zeigt sie schonungslos, wo die eigentlichen Probleme liegen: in zersplitterten Zuständigkeiten, fehlenden gemeinsamen Standards, unverständlichen Formularen und einer Verwaltung, die noch zu oft aus sich selbst heraus denkt statt vom Nutzer aus.
Im Gespräch geht es auch um die Grundfrage, was Entbürokratisierung überhaupt heißen soll. Riedel macht deutlich: Bürokratie ist nicht per se schlecht, sondern schützt vor Willkür und sorgt für Fairness. Das Problem beginnt dort, wo Regeln ihre eigene Wirkung nicht mehr überprüfen lassen, wo Prozesse unnötig kompliziert werden und wo Bürgerinnen und Bürger an Anträgen scheitern, die selbst für Akademiker kaum verständlich sind. Gerade bei sensiblen Themen wie Wohngeld, Elterngeld oder Vorsorge zeigt sich, wie sehr ein Staat Vertrauen verspielen kann, wenn Hilfe nicht schnell, klar und zugänglich organisiert ist.
Außerdem sprechen wir darüber, warum Deutschland beim digitalen Staat trotz vieler guter Einzelbeispiele oft nicht vorankommt: zu viele Insellösungen, zu wenig Nachnutzung, zu wenig Mut zur Standardisierung. Riedel erklärt, weshalb der Föderalismus nicht das Hauptproblem sein muss, warum technische Grundlagen wie Registermodernisierung so entscheidend sind – und was wir von Estland, Dänemark oder auch überraschenden Vorreitern wie Griechenland lernen können. Ihr Mutmacher am Ende: Es gibt längst funktionierende Lösungen, engagierte Menschen in den Verwaltungen und viele konkrete Ansätze, an die man anknüpfen kann. Deutschland muss das Rad nicht neu erfinden – aber endlich konsequenter rollen lassen.
Eine Folge über einen Staat, der digitaler, verständlicher und handlungsfähiger werden muss – und kann.
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Gesine Schwan: Wie vereint ist Deutschland wirklich?
2026/04/16
In dieser Folge von „2 alte wei(s)se Männer“ sprechen Michael Reinhard und Thomas Kirchberg mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Gesine Schwan über eines der großen deutschen Dauerthemen: das Verhältnis von Ost und West – und die Frage, warum auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bei vielen Menschen noch immer das Gefühl bleibt, dass die Einheit unvollendet ist.
Gesine Schwan gehört seit vielen Jahren zu den klügsten und klarsten Stimmen, wenn es um Demokratie, Gerechtigkeit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft geht. Die Politikwissenschaftlerin, frühere Viadrina-Präsidentin und zweimalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, verbindet wissenschaftliche Schärfe mit großer politischer Erfahrung.
Im Gespräch geht es um Erwartungen und Versprechen der Nachwendezeit, um enorme Fortschritte bei Infrastruktur und Lebensverhältnissen, aber auch um das, was sich nicht so leicht aufholen lässt: fehlende Anerkennung, mangelnde Repräsentation, biografische Brüche und das Gefühl vieler Ostdeutscher, nicht wirklich gehört oder mitgemeint zu sein. Gesine Schwan beschreibt, warum politische und wirtschaftliche Angleichung allein nicht ausreichen, wenn Respekt, Teilhabe und Sichtbarkeit fehlen.
Außerdem geht es um die Frage, welche Defizite bis heute geblieben sind, warum das Thema „gleichwertige Lebensverhältnisse“ weit über Geld und Förderprogramme hinausgeht und welche Rolle ostdeutsche Erfahrungen in Politik, Gesellschaft und Führungsetagen spielen. Auch der Erfolg der AfD wird eingeordnet – nicht verkürzt als rein ostdeutsches Phänomen, sondern als Ausdruck tieferer politischer und gesellschaftlicher Spannungen.
Zugleich ist diese Folge kein Abgesang auf die deutsche Einheit. Im Gegenteil: Gesine Schwan zeigt auch, wo Deutschland zusammengewachsen ist, was gelungen ist und warum es sich lohnt, weiter an einem Land zu arbeiten, das Unterschiede nicht verdrängt, sondern ernst nimmt. Es geht um Demokratie, um soziale Würde, um Zugehörigkeit – und um die Frage, wie aus formaler Einheit echte innere Verbundenheit werden kann.
Eine kluge, ruhige und zugleich hochaktuelle Folge über Anerkennung, Gerechtigkeit und den Zustand unseres Landes.
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Nicole Deitelhoff: Frieden statt Friedhofsruhe – Wie geht dauerhafte Konfliktlösung?
2026/04/09
Wie kann in Zeiten wie diesen überhaupt noch Frieden entstehen? Der Krieg gegen Iran ist weiter eskaliert, in der Ukraine ist ein Ende des Krieges nicht in Sicht – und gleichzeitig merken wir, wie schnell wir uns daran gewöhnen, fast nur noch in Kategorien von Eskalation, Abschreckung und militärischer Stärke zu denken. Genau darüber sprechen wir in dieser Folge mit Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Direktorin der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und eine der bekanntesten deutschen Friedens- und Konfliktforscherinnen.
Nicole Deitelhoff erklärt, warum es gerade in laufenden Kriegen wichtig ist, weiter über Frieden zu sprechen – nicht naiv, sondern realistisch. Sie macht deutlich: Verteidigungsfähigkeit und Friedenssuche schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten realer Bedrohung kommt es darauf an, auch die kleinen Öffnungen zu erkennen, in denen Kooperation noch möglich ist. Als Beispiel nennt sie den Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine – ein Hinweis darauf, dass selbst in hochverfeindeten Konflikten Gesprächs- und Handlungsspielräume bestehen bleiben.
Im Gespräch geht es außerdem um die Frage, was Frieden heute überhaupt bedeutet. Deitelhoff unterscheidet zwischen einem „negativen Frieden“, also dem Ende organisierter Gewalt, und einem „positiven Frieden“, der darüber hinaus auf Gerechtigkeit, Teilhabe und tragfähige gesellschaftliche Ordnung zielt. Ihr nüchterner Befund: Im Moment wären wir schon froh, wenn zumindest der „dürre Hahn“ des negativen Friedens wieder erreichbar würde.
Und schließlich spricht sie darüber, was Friedensforschung heute konkret leisten kann: nicht den großen Wurf versprechen, sondern in festgefahrenen Konflikten genau hinschauen, wo Kooperation noch trägt, wo Vermittlung möglich ist und wie aus kleinen Schritten irgendwann tragfähigere Friedensordnungen werden können. Friedensfähigkeit, so ihr Mutmacher-Gedanke, ist lernbar – durch gerechte Sprache, klares Denken und strategische Geduld.
Eine Folge über Krieg und Frieden, über strategische Geduld, europäische Verantwortung – und über die Frage, wie man auch in sehr dunklen Zeiten die Möglichkeit von Verständigung nicht aufgibt.
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