Advertise on podcast: Erzähl Mal! – Der Podcast zum Thema Mental Health
This podcast has
18 episodes
Explicit
No
Date created
2025/08/31
Latest episode
2026/08/03
Average duration
14 min.
Release period
24 days
Description
In diesem Podcast erklärt Dr. Murafi – Chefarzt der Klinik Walstedde für Kinder- und Jugendpsychiatrie – verständlich und praxisnah psychische Erkrankungen wie Trauma, Borderline, Depression so wie viele weitere. Mit Beispielen aus Klinik und Forschung werden komplexe psychodynamische Zusammenhänge greifbar gemacht. Betroffene, Angehörige und Fachleute erhalten Einblicke in Symptome, Ursachen und Behandlungskonzepte – immer mit dem Ziel, mehr Verständnis, Aufklärung und Hoffnung zu vermitteln.
Podcast episodes
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Narzissmus verstehen – Ursachen, Symptome & Therapie | Der große Supercut
2026/08/03
Narzissmus ist weit mehr als Egoismus oder Selbstverliebtheit.
In diesem Supercut fassen wir alle bisherigen Folgen zum Thema zusammen und geben einen umfassenden Einblick in die narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Wir sprechen darüber, warum viele Vorstellungen aus den sozialen Medien zu kurz greifen, was der Mythos von Narziss tatsächlich erzählt und weshalb Narzissmus häufig Ausdruck eines tief verletzlichen Selbstwertgefühls ist. Außerdem geht es um die unterschiedlichen Erscheinungsformen – vom grandiosen bis zum vulnerablen Narzissmus –, mögliche Ursachen in der Kindheit sowie den Einfluss von Bindung, Erziehung und belastenden Erfahrungen.
Abschließend werfen wir einen Blick auf moderne Therapieansätze und erklären, warum eine Behandlung zwar herausfordernd, aber dennoch möglich ist.
Themen dieser Folge:• Was Narzissmus wirklich bedeutet• Der Mythos von Narziss und seine psychologische Bedeutung• Grandioser und vulnerabler Narzissmus• Entstehung und Risikofaktoren• Perfektionismus, Selbstwert und Kritikempfindlichkeit• Therapieansätze und Behandlungsmöglichkeiten
Bipolare Störung verstehen: Symptome, Ursachen und Behandlung | Supercut
2026/07/27
Hinweis: In dieser Folge werden unter anderem Suizidgedanken und selbstgefährdendes Verhalten thematisiert.
In dieser besonderen Folge von Erzähl mal fassen wir unsere bisherigen Video-Beiträge zum Thema bipolare Störung in einem ausführlichen Supercut zusammen. Wir erklären, wie sich die Erkrankung äußert, welche Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen auftreten können und warum eine frühzeitige Diagnose und Behandlung so wichtig sind.
„Bipolar“ beschreibt zwei Pole, zwischen denen die Stimmung der Betroffenen schwanken kann. Auf der einen Seite stehen depressive Phasen mit Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifeln und sozialem Rückzug. Auf der anderen Seite können manische Phasen auftreten, die von stark gesteigertem Selbstbewusstsein, zahlreichen Ideen, vermindertem Schlafbedürfnis und hoher Aktivität geprägt sind. Gleichzeitig können Reizbarkeit, Enthemmung und riskantes Verhalten zunehmen.
Besonders belastend ist häufig der Wechsel zwischen diesen Extremen. Auf eine Phase voller Energie und Zuversicht kann ein tiefer emotionaler Absturz folgen. Die große Fallhöhe erhöht das Risiko für Verzweiflung, Suizidgedanken und selbstgefährdendes Verhalten. Doch auch die manische Phase selbst kann schwerwiegende Folgen haben: Betroffene überschätzen sich, geben unkontrolliert Geld aus, gehen hohe Risiken ein oder treffen Entscheidungen, deren Konsequenzen sie in diesem Moment kaum überblicken können.
Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich die bipolare Störung nicht immer in klar voneinander getrennten Phasen. Häufig treten Mischzustände mit innerer Unruhe, Gereiztheit und starken, teilweise sehr schnellen Stimmungswechseln auf. Beim sogenannten Rapid Cycling oder Ultra-Rapid Cycling kann sich die Stimmung innerhalb weniger Tage, Stunden oder sogar noch schneller verändern. Betroffene Kinder werden deshalb nicht selten als unmotiviert, schlecht erzogen oder absichtlich schwierig wahrgenommen, obwohl hinter ihrem Verhalten eine ernsthafte Erkrankung steht.
Die Folge beleuchtet außerdem mögliche Ursachen. Bipolare Störungen haben häufig eine starke erbliche Komponente und können mit Veränderungen im Stoffwechsel des Gehirns zusammenhängen. Gerade während der Pubertät, wenn das Gehirn umfangreiche Entwicklungsprozesse durchläuft, kann die Erkrankung erstmals deutlich hervortreten.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung. Die medikamentöse Stabilisierung der Stimmung ist meist ein wichtiger Baustein. Je nach Symptomatik können unter anderem Neuroleptika, Lithium oder andere Stimmungsstabilisatoren eingesetzt werden. Die genaue Abstimmung gehört dabei immer in die Hände erfahrener Fachärzt:innen.
Medikamente allein reichen jedoch nicht aus. In der Psychotherapie lernen Betroffene, ihre Erkrankung besser zu verstehen, persönliche Frühwarnzeichen zu erkennen und rechtzeitig auf beginnende Phasen zu reagieren. Regelmäßiger Schlaf, verlässliche Tagesstrukturen und der Verzicht auf Alkohol oder andere Drogen können dazu beitragen, neue Episoden zu verhindern. Stimmungskalender und Tagebücher helfen dabei, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.
Auch Angehörige spielen eine wichtige Rolle. Sie können Veränderungen manchmal früher erkennen als die Betroffenen selbst und dabei unterstützen, rechtzeitig Hilfe anzunehmen. Gleichzeitig benötigen auch Familien Aufklärung und Begleitung, damit krankheitsbedingtes Verhalten nicht als böser Wille oder persönliches Versagen missverstanden wird.
Die bipolare Störung ist eine schwere, aber gut behandelbare Erkrankung. Je früher sie erkannt und individuell behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf Stabilität, Teilhabe und eine positive Entwicklung.
Habt ihr Fragen, eigene Erfahrungen oder kennt ihr Betroffene? Schreibt uns gerne in die Kommentare – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Fetales Alkoholsyndrom (FAS): Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft verständlich erklärt | Supercut
2026/07/20
In dieser besonderen Folge von Erzähl mal fassen wir unsere bisherigen Beiträge zum Thema Fetales Alkoholsyndrom (FAS) in einem ausführlichen Supercut zusammen. Gemeinsam beleuchten wir, welche Auswirkungen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft haben kann, wie sich FAS bemerkbar macht und welche Möglichkeiten der Diagnostik und Unterstützung es für betroffene Kinder und Familien gibt.
Alkohol gehört zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen für angeborene Entwicklungsstörungen. Bereits geringe Mengen können die Entwicklung des ungeborenen Kindes beeinträchtigen – eine sichere Untergrenze gibt es nach heutigem Wissensstand nicht. Deshalb gilt die klare Empfehlung: Kein Alkohol während der Schwangerschaft.
Doch was genau passiert im Körper? Warum ist Alkohol für das ungeborene Kind so gefährlich? Und welche langfristigen Folgen können daraus entstehen? In dieser Folge erklären wir verständlich, wie FAS entsteht und warum insbesondere die Entwicklung des Gehirns nachhaltig beeinträchtigt werden kann.
Außerdem sprechen wir darüber, woran sich ein Fetales Alkoholsyndrom erkennen lässt. Neben körperlichen Merkmalen wie Wachstumsauffälligkeiten oder charakteristischen Veränderungen im Gesicht stehen vor allem die Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Lernen, Impulskontrolle und soziale Entwicklung im Mittelpunkt. Viele betroffene Kinder wirken nach außen sehr aufgeweckt und intelligent, stoßen im Alltag jedoch immer wieder an ihre Grenzen – häufig mit erheblichen Folgen für Selbstwertgefühl und Teilhabe.Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung und Begleitung. Zwar lassen sich die entstandenen Schädigungen nicht rückgängig machen, durch eine frühzeitige Diagnostik, individuelle Förderung, therapeutische Angebote und ein verständnisvolles Umfeld können betroffene Kinder jedoch erheblich unterstützt werden. Entscheidend ist dabei, die Besonderheiten der Erkrankung zu verstehen und Hilfen auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen.
Diese Folge richtet sich an Eltern, Angehörige, Fachkräfte und alle, die mehr über das Fetale Alkoholsyndrom erfahren möchten. Sie fasst die wichtigsten Erkenntnisse unserer bisherigen Reihe kompakt zusammen und zeigt, warum Aufklärung, Prävention und ein verständnisvoller Umgang für Betroffene so wichtig sind.
Habt ihr Fragen oder eigene Erfahrungen zum Thema FAS? Schreibt sie gerne in die Kommentare – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Schulabsentismus verstehen: Ursachen, Folgen und der Weg zurück in die Schule
2026/07/13
In dieser besonderen Folge von Erzähl mal bündeln wir unsere bisherigen Beiträge zum Thema Schulabsentismus in einem ausführlichen Supercut. Gemeinsam werfen wir einen Blick darauf, warum Kinder und Jugendliche über längere Zeit der Schule fernbleiben, welche psychischen, familiären und schulischen Faktoren dabei eine Rolle spielen und wie eine erfolgreiche Rückkehr gelingen kann.
Schulabsentismus bedeutet weit mehr als gelegentliches Fehlen. Betroffene verlieren zunehmend den Anschluss an Schule, Klasse und Alltag. Die Ursachen sind vielfältig: Konflikte in der Schule, Leistungsdruck, soziale Ängste, körperliche Erkrankungen oder psychische Belastungen wie Depressionen und Angststörungen. Häufig greifen mehrere Faktoren ineinander.
Ein zentrales Problem ist der entstehende Teufelskreis: Je länger die Schulabwesenheit dauert, desto größer werden Ängste und Unsicherheiten. Verpasster Unterricht, die Sorge vor Bewertungen und das Gefühl, den Anschluss verloren zu haben, erschweren die Rückkehr zusätzlich. Viele Betroffene unterschätzen dabei ihre eigenen Fähigkeiten und trauen sich den Wiedereinstieg kaum noch zu.
Die Folgen reichen weit über schulische Leistungen hinaus. Schulabsentismus kann soziale Isolation, fehlende Schulabschlüsse und langfristige Schwierigkeiten im Berufsleben nach sich ziehen. Gleichzeitig geraten Familien oft unter enormen Druck, während das betroffene Kind selbst unter einer ernsthaften Belastung leidet.
Deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik entscheidend. In der Klinik Walstedde werden mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen umfassend betrachtet – von Angststörungen und Depressionen bis hin zu Entwicklungsstörungen oder familiären Belastungen. Daraus entsteht ein individueller Behandlungsplan, denn pauschale Lösungen gibt es nicht.
Im Mittelpunkt steht eine schrittweise Wiedereingliederung. Der Einstieg beginnt häufig nicht sofort mit vollständigem Unterricht, sondern über kleine Erfolgserlebnisse, kreative oder praktische Angebote und den behutsamen Aufbau von Belastbarkeit. Die Klinikschule unterstützt dabei, Lernstände realistisch einzuschätzen und verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
Auch moderne Möglichkeiten wie der Avatar-Unterricht können den Übergang erleichtern: Betroffene nehmen zunächst digital am Unterricht ihrer Heimatschule teil, bevor die schrittweise Rückkehr in den Klassenverband erfolgt.
Entscheidend ist die Zusammenarbeit zwischen Familie, Schule, Klinikschule und therapeutischem Team. Denn Schulabsentismus lässt sich nicht allein überwinden. Ziel ist nicht, möglichst schnell wieder zu funktionieren, sondern Ängste abzubauen, Selbstvertrauen zu stärken und Schritt für Schritt den Weg zurück in den Schulalltag zu finden.
Diese Folge fasst die wichtigsten Erkenntnisse unserer bisherigen Reihe zusammen und zeigt: Auch nach längerer Schulabwesenheit ist eine Rückkehr möglich – mit Geduld, individueller Unterstützung und einem gemeinsamen Plan.
Habt ihr Fragen oder eigene Erfahrungen mit Schulabsentismus? Schreibt uns gerne in die Kommentare – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Therapie bei narzisstischer Persönlichkeitsstörung: Klarheit, Konfrontation und Deutung
2026/07/06
In dieser Folge der Narzissmus-Reihe geht es um die Frage: Wie lässt sich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung behandeln – und warum ist genau das oft so schwierig? Denn Therapie bedeutet immer auch, Hilfe anzunehmen, Schwäche einzugestehen und sich mit eigenen verletzlichen Anteilen zu beschäftigen. Für Menschen mit narzisstischer Problematik kann genau das wie ein Angriff auf das ohnehin fragile Selbst wirken.
Zunächst ergänzen wir einen wichtigen Punkt zur Entstehung: Vernachlässigung und Missbrauch können ebenfalls narzisstische Reaktionsweisen begünstigen. Wenn das Selbst früh massiv verletzt oder emotional angegriffen wurde, kann eine narzisstische Position wie ein Schutzschild entstehen: unantastbar werden, unverletzlich wirken, Kritik abwehren, bevor sie erneut zerstörerisch erlebt wird. Hinter der Oberfläche aus Grandiosität, Abwertung oder scheinbarer Stärke können also auch reale Erfahrungen von Schmerz, Ohnmacht und Beschämung liegen.
Gerade deshalb ist der therapeutische Zugang so anspruchsvoll. Der Begriff „Narzissmus“ ist gesellschaftlich stark negativ aufgeladen – oft fast ein Schimpfwort. Psychoedukation ist daher ein zentraler erster Schritt: Betroffene müssen verstehen können, dass es nicht um Abwertung geht, sondern um das Erkennen einer ernsthaften Erkrankung, die das Selbstwertgefühl, die Identität und Beziehungen stark beeinträchtigen kann.
Vorgestellt werden drei therapeutische Ansätze, die in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen eine Rolle spielen: DBT (dialektisch-behaviorale Therapie), MBT (mentalisierungsbasierte Therapie) und besonders die übertragungsfokussierte Psychotherapie nach Otto Kernberg. Letztere steht in dieser Folge im Mittelpunkt, weil sie genau dort ansetzt, wo narzisstische Dynamiken sichtbar werden: in der Beziehung, im Kontakt, im unmittelbaren therapeutischen Geschehen.
Drei Schritte sind dabei besonders wichtig:
Klarifikation: Wenn Widersprüche, Unklarheiten oder Ausweichbewegungen entstehen, wird gemeinsam sortiert. Was wurde gesagt? Was ist gemeint? Was passiert gerade im Kontakt? Klarheit ist der erste Schritt, weil Unklarheit oft auch Schutz vor schmerzhafter Realität ist.
Wohlwollende Konfrontation: Konfrontation bedeutet hier nicht Angriff oder Bloßstellung, sondern eine Form von Wertschätzung. Nicht zu schweigen, nur damit es angenehm bleibt, sondern ehrlich zu benennen, was sichtbar wird – ohne Abwertung, ohne Beschämung, aber auch ohne Ausweichen.
Deutung: Im dritten Schritt werden aktuelle Muster mit früheren Erfahrungen verbunden: Was zeigt sich hier in der Therapie? Wo taucht das auch außerhalb auf? Welche Rolle spielen Kindheit, Verletzungen, Scham, Kritikempfindlichkeit und das Bedürfnis nach Pseudostabilität?
Die Folge macht deutlich: Narzissmus-Therapie ist möglich, aber sie braucht Spezialisierung, Geduld und ein gutes Verständnis der zugrunde liegenden Dynamiken. Allgemeine therapeutische Verfahren greifen häufig zu kurz, weil sie leicht abgewertet, sabotiert oder wirkungslos gemacht werden können, wenn die narzisstische Schutzstruktur nicht mitbehandelt wird.
Wichtig bleibt: Ziel ist nicht Stigmatisierung, sondern Zugang. Nicht Beschämung, sondern Verstehen. Nicht „Du bist falsch“, sondern: Was schützt dich – und was verhindert gleichzeitig Entwicklung?
Wenn ihr selbst betroffen seid, Betroffene kennt oder Erfahrungen aus therapeutischen Kontexten habt, schreibt uns gern eure Fragen und Rückmeldungen. Denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Wenn Kinder "alles können": Narzissmus als Entwicklungsdynamik
2026/02/08
In dieser Folge unserer Narzissmus-Reihe setzen wir den Schwerpunkt auf die Entstehung narzisstischer Entwicklungen – und greifen eine Theorie auf, die in Forschung und klinischer Arbeit häufig verwendet wird: die Idee einer natürlichen narzisstischen Phase zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr.
In diesem Alter machen Kinder enorme Entwicklungssprünge. Sprache, Motorik, Denken, soziale Fähigkeiten – vieles wächst rasant. Das Selbstgefühl ist dabei oft groß: „Da bin ich. Ich kann alles.“ Freud beschrieb diesen Zustand als „ozeanisches Gefühl“: ein expansives Selbstbewusstsein, das sich mächtig und wirksam erlebt. Der entscheidende Haken daran ist jedoch: Mit dem Gefühl „Ich kann alles“ kommt schnell auch die Fantasie „Ich bin für alles verantwortlich“. Genau hier entsteht das Spannungsfeld, in dem sich eine spätere narzisstische Problematik verankern kann.
Die Folge betrachtet auch kulturelle Faktoren: Heute bekommen Kinder häufig sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Bestätigung – manchmal zu früh, zu oft und ohne die Erfahrung, dass Scheitern, Schwäche und Frustration normal sind. Gleichzeitig wird es in vielen Familien schwieriger, kritische Rückmeldungen so zu geben, dass sie nicht beschämen, sondern realistische Selbstbilder fördern. Wenn Eltern ihre eigenen Schwächen nicht humorvoll integrieren können, wird es auch für Kinder schwer, Unperfektheit auszuhalten.
Ein zentraler Punkt ist die wechselseitige Verschränkung von Selbstwert: Kinder spüren, dass Eltern sich mit ihnen „gut fühlen“, wenn sie glänzen – und sich schämen oder in Stress geraten, wenn etwas nicht gut läuft. Dadurch kann sich früh ein Muster entwickeln, in dem Leistung nicht einfach Leistung ist, sondern zu etwas wird, das Beziehung und Wert bestimmt. Das Kind erlebt: „Wenn ich gut bin, geht es allen gut – wenn nicht, bin ich das Problem.“ So kann eine Rollenumkehr entstehen: Kinder fühlen sich überverantwortlich für die Stimmung und Stabilität der Eltern.
Anhand eines Beispiels wird deutlich, wie Narzissmus nicht nur mit „Überheblichkeit“ zusammenhängt, sondern auch mit Vermeidung: Ein hochbegabtes Kind, das vieles mühelos kann, erlebt beim Fahrradfahren plötzlich Normalität – hinfallen, lernen, üben. Nicht das Knie ist das Problem, sondern die Kränkung, sichtbar etwas nicht zu können. Die Folge: Rückzug, Abbruch, „Dann mache ich es lieber gar nicht.“ Aus dieser Dynamik kann später Underachievement entstehen – nicht weil Fähigkeiten fehlen, sondern weil Frustrationstoleranz und Lernbereitschaft nicht ausreichend wachsen konnten.
Besonders eindrücklich ist die Analyse moderner Botschaften wie „Wir wollen nur, dass du glücklich bist“. Das klingt liebevoll – kann aber als Subtext enthalten: „Sei glücklich für uns, am besten durch uns.“ Ein Anspruch, den kein Kind erfüllen kann. Wenn Eltern damit schlecht umgehen können, wenn ein Kind traurig, wütend oder unzufrieden ist, wird aus Begleiten schnell ein Beglücken-Müssen – und das verstärkt die narzisstische Verantwortungsfantasie.
Am Ende dieser Phase folgt fast zwangsläufig der „grandiose Absturz“: Die frühen Superlativ-Erlebnisse lassen sich nicht dauerhaft aufrechterhalten. Kränkungen und Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Manche reagieren mit Aufbäumen und Leistungsdruck, andere mit Rückzug, Gleichgültigkeit oder einem „Niedergang“ im Sinne des vulnerablen/fragilen Narzissmus, den wir in der letzten Folge beschrieben haben.
Wenn dich das Thema betrifft – persönlich oder im Umfeld – oder wenn du Fragen dazu hast, schreib uns gern. Denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Zwei Gesichter, ein Kernkonflikt
2026/01/15
In dieser Folge unserer Narzissmus-Reihe geht es um die klinische Einordnung: Was ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung – und wie entsteht sie? Wir lösen den Begriff bewusst aus der reinen Popkultur-Debatte („Narzisst = Täter, andere = Opfer“) und schauen auf das, worum es im Kern geht: eine schwerwiegende, lebensgeschichtlich geprägte Störung, die grundlegende Fähigkeiten beeinflussen kann – Selbstwertregulation, Beziehungsgestaltung, Identität und Umgang mit Kritik.
Zu Beginn klären wir, was eine Persönlichkeitsstörung überhaupt bedeutet: rigide, wiederkehrende Erlebens- und Verhaltensmuster, die in unterschiedlichen Kontexten ähnlich auftreten und über die Zeit sehr stabil bleiben. Wichtig dabei: Persönlichkeitsstörungen beginnen nicht erst im Erwachsenenalter. Heute gilt fachlich als Konsens, dass man ab etwa dem 12. Lebensjahr Diagnosen in diesem Spektrum verantwortungsvoll stellen kann – weil sich die Muster dann oft bereits deutlich zeigen, auch wenn sie im Kindes- und Jugendalter noch „undifferenziert“ wirken können.
Ein zentrales Thema dieser Episode ist der scheinbare Widerspruch: Viele Betroffene sind begabt, talentiert, leistungsfähig – und doch können sie ihre Fähigkeiten nicht nutzen, weil sie ihnen innerlich nicht „glauben“. Noch entscheidender: Selbst wenn etwas gelingt, fühlt es sich nicht ausreichend an. Anerkennung wird mit Liebe verwechselt: Wertschätzung wird nicht als Geschenk erlebt, sondern als etwas, das man sich durch Perfektion verdienen muss. Der Anspruch steigt auf 100% – und alles, was „nur“ 80% ist, wird entwertet. Das Ergebnis kann ein paradoxes Muster sein: hohe Möglichkeiten, aber Underachievement – nicht aus Faulheit, sondern aus Angst vor Entdeckung, Scheitern und Kränkung.
Wir unterscheiden außerdem zwei Hauptformen, die im Alltag oft durcheinandergeraten:
Grandioser/„offensiver“ Narzissmus: nach außen sichtbar, mit Überlegenheitsgefühl, Anspruchshaltung, Abwertung anderer – manchmal charmant und verführerisch, besonders zu Beginn von Beziehungen. Diese Form fällt schneller auf; der Leidensdruck scheint zunächst eher bei der Umgebung zu liegen.
Vulnerabler/fragiler Narzissmus: wirkt häufig depressiv, ängstlich, rückzügig, mit massiver Selbstabwertung, Bewertungsangst, teils Selbstverletzung oder Substanzkonsum. Auf den ersten Blick „nicht narzisstisch“ – im Kern aber ebenfalls geprägt von Größenansprüchen und dem Alles-oder-Nichts-Prinzip: „Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich nichts.“
Beiden gemeinsam ist die extreme Kritikempfindlichkeit – nur zeigt sie sich unterschiedlich: Die einen reagieren mit Rückzug, Selbstabwertung und Depression, die anderen mit Ärger, Angriff, Abwertung oder Manipulation. Auch das verbreitete „Empathielos“-Etikett wird differenziert betrachtet: Viele narzisstisch geprägte Menschen können andere sehr gut lesen und sich einfühlen – aber dieses soziale Wissen dient oft primär der Selbstwertstabilisierung, der Kontrolle, dem eigenen Zweck, nicht der echten Ausrichtung am Gegenüber.
Am Ende wird klar: Narzissmus ist nicht „ein Charakterfehler“, sondern eine ernste innere Konfliktproblematik mit relevantem Behandlungsbedarf. In der nächsten Folge sprechen wir darüber, wie narzisstische Entwicklungen in der frühen Kindheit entstehen – und warum sich hinter Perfektion, Abwertung oder Rückzug oft derselbe Versuch verbirgt, ein fragiles Selbst zusammenzuhalten.
Schreibt uns eure Fragen und Rückmeldungen in die Kommentare – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Woher stammt der Begriff Narzissmus?
2026/01/04
Mit dieser Episode starten wir in ein neues Themenfeld: Narzissmus. In der Öffentlichkeit wird der Begriff oft vor allem über Beziehungserfahrungen erzählt – „Opfer von Narzissten“, Manipulation, Missbrauch, toxische Dynamiken. Das kann reale Erlebnisse abbilden, greift klinisch aber zu kurz. Denn Narzissmus ist mehr als ein „böses“ Verhalten nach außen: Er ist auch eine innere Struktur, eine spezifische Art, mit Selbstwert, Ohnmacht und unerfüllbaren Ansprüchen umzugehen.
Als Einstieg wählen wir deshalb einen ungewohnten, aber sehr aufschlussreichen Zugang: die Herkunft des Namens aus der griechischen Mythologie. Wir begegnen Narziss nicht als Meme-Figur der Selbstverliebtheit, sondern als tragischer Charakter mit einer komplexen Ausgangslage: halb göttlich, hoch begabt, begehrt – und gleichzeitig geprägt von einem frühen, verletzenden Start ins Leben. Eine nicht einvernehmliche Zeugung, ein verschwundener Vater, eine verwundete Mutter: Narziss wächst in einer Konstellation auf, in der er vieles „könnte“, aber das Entscheidende nicht kann – seine Mutter retten, schützen, ungeschehen machen, was geschehen ist. Genau hier entstehen Ohnmacht und ein innerer Auftrag, der niemals erfüllbar ist.
Im Zentrum steht die berühmte Szene am Wasser: Narziss beugt sich zum See, sieht ein Bild – und kann nicht mehr weg. Üblicherweise heißt es: „Er verliebt sich in sich selbst.“ Diese Folge stellt die zentrale Korrektur heraus: Narziss erkennt nicht, dass er sich selbst sieht. Er hält das Spiegelbild für jemand anderen. Und noch tiefer: Er verliebt sich nicht in „sich“, sondern in eine Vorstellung, in ein Idealbild – in das, was er glaubt, sein zu müssen, um wirklich geliebt zu werden.
Damit wird die Mythologie plötzlich psychologisch: Narziss hängt an einem Bild, weil er innerlich nicht spüren kann, dass er bereits hinreichend gut ist – dass er das Kind ist, das ohne Bedingungen geliebt werden dürfte. Stattdessen entsteht ein überhöhter Anspruch: mehr sein, mehr leisten, etwas reparieren, etwas retten, rückwirkend beweisen, dass man wertvoll ist. Das führt nicht zu echter Selbstliebe, sondern zu einem Leben, das hinter den eigenen Möglichkeiten bleibt – ein „Underachiever“ im tragischen Sinn: viel Potenzial, wenig innerer Halt, hoher Druck und ein permanentes Scheitern an einem unmöglichen Maßstab.
Diese Episode ist der Auftakt zu einer Reihe, in der wir Narzissmus als Entwicklungsweg und als klinisches Thema weiter entfalten: Welche Kernelemente sehen wir bei narzisstischen Entwicklungen? Welche inneren Konflikte stecken dahinter – und was bedeutet das für Beziehungen, Therapie und Selbstverständnis?
Wenn dich das interessiert, lass gerne einen Kommentar da oder schick uns deine Fragen – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Lebensgestaltung mit der Borderline-Störung
2025/11/28
⚠️ Triggerwarnung:In dieser Episode wird selbstverletzendes Verhalten als Teil der Erfahrung von Borderline-Betroffenen thematisiert. Die Inhalte können emotional belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte achte gut auf dich. Du kannst den Beitrag jederzeit pausieren oder abbrechen.Wenn du selbst betroffen bist oder Unterstützung brauchst, wende dich an eine vertraute Person oder an eine Beratungsstelle – z. B. an krisenchat.de oder die TelefonSeelsorge Deutschland unter 0800 111 0 111 (kostenlos & anonym).
In dieser abschließenden Folge der Reihe zur Borderline-Persönlichkeitsstörung geht es um das, was nach der Diagnostik und den Modellen folgt: Lebensgestaltung – also den Weg vom Verstehen ins Handeln. Nach dem Hausmodell und Eiermodell richtet sich der Blick nun auf die Frage: Wie kann man mit einer Borderline-Struktur leben, arbeiten, Beziehungen führen – ohne ständig an die eigenen Grenzen zu stoßen?
Im Zentrum steht die kognitive Entscheidung:„Ich will, dass das aufhört.“„Ich will das in den Griff bekommen.“„Ich will das verändern.“Diese bewusste Haltung ist kein einfacher Akt der Willenskraft, sondern ein therapeutischer Wendepunkt. Denn erst, wenn die Entscheidung fällt, kann das Wissen aus Psychoedukation und Therapie überhaupt wirksam werden – ob in Einzelgesprächen, Skills-Training oder sozialpädagogischen Angeboten.
Dr. Murafi beschreibt, warum die Jugendzeit bei Borderline-Betroffenen häufig die kritischste Phase ist: Das Gehirn im Umbau, die Impulskontrolle eingeschränkt, Beziehung und Identität hochrelevant – ein „MegagaU“ für eine ohnehin instabile Struktur. Umso wichtiger ist die kontinuierliche Begleitung über diesen Lebensabschnitt hinaus, besonders beim Übergang ins Erwachsenenalter. Viele erleben mit 18 den Verlust von Schutz und Zugehörigkeit, was zu schweren Krisen führen kann.
Gleichzeitig macht die Folge Mut: Mit therapeutischer Begleitung, Bewusstsein für die eigenen Muster und einer realistischen Haltung ist es möglich, ein stabiles, erfülltes und funktionales Leben zu führen – Beruf, Partnerschaft, Alltag. Vollständige Heilung im engeren Sinne gibt es zwar nicht, aber deutliche Verbesserung und Stabilisierung.
Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung der therapeutischen Beziehung. Methoden wie die übertragungsfokussierte Psychotherapie nach Otto Kernberg, mentalisierungsbasierte Ansätze und dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) können, richtig eingebettet, langfristige Fortschritte ermöglichen. Entscheidend ist, dass Therapie nicht nur auf Skills und Symptome fokussiert, sondern die tiefen Beziehungsmuster und Übertragungsprozesse in den Blick nimmt.
Der Blick in die Zukunft bleibt offen – aber optimistisch: Mit Geduld, professioneller Begleitung und einer Haltung von Akzeptanz statt Perfektion lässt sich das Leben mit Borderline gestalten, nicht nur ertragen.
Damit schließt sich die Borderline-Reihe. In der nächsten Staffel widmen wir uns einem verwandten, aber sehr anders strukturierten Thema: Narzissmus – seine psychodynamischen Wurzeln, seine sozialen Masken und die therapeutischen Herausforderungen.
Wir freuen uns über eure Rückmeldungen, Fragen und Themenwünsche – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Die Behandlung der Borderline Störung #2 – Das Eiermodell
2025/11/14
In dieser Folge von Erzähl mal setzen wir die Reihe zur Borderline-Störung fort – mit einem weiteren Einblick in die Psychoedukation und therapeutischen Strategien. Nach dem „Hausmodell“ der letzten Episode geht es diesmal um das Eiermodell – ein Bild, das verdeutlicht, warum der Weg aus der Destruktivität heraus so oft von Rückschlägen begleitet wird und warum Fortschritt sich manchmal paradox anfühlt.
Das Ei steht symbolisch für die Entwicklung in der Therapie: Am unteren Ende finden wir die destruktive Zone – das Chaos, die Verzweiflung, die Selbstabwertung. Von hier aus beginnt der therapeutische Aufstieg: Schritt für Schritt, mit ersten Erfolgen, mit wachsender Hoffnung. Doch anders als viele glauben, wird der Weg nach oben nicht leichter – sondern steiler. Je weiter man sich von der Verzweiflung entfernt, desto intensiver werden die inneren Konflikte.
Genau hier entsteht ein Dilemma: Wenn Betroffene hören, dass „es gerade richtig gut läuft“, kann das unbewusst Angst auslösen – die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, verlassen zu werden, wieder allein zu sein. Das positive Feedback wird dann nicht als Ermutigung, sondern als drohender Abschied erlebt. Aus Schutz vor diesem Verlust kippt die Stimmung – und der Aufstieg verwandelt sich in einen Absturz.
Das Eiermodell beschreibt auch die Tendenz zum Alles-oder-Nichts-Denken: Wenn nicht alles gut wird, ist alles schlecht. Wenn Glück nicht vollkommen ist, lohnt sich nichts. Viele erleben an dieser Stelle tiefe Frustration und Wut: Wenn die innere Leere bleibt, obwohl sie sich so bemüht haben, folgt nicht selten ein Impuls zur Selbstzerstörung – Abbruch der Therapie, Selbstverletzung, Drogenkonsum oder impulsive Beziehungsabbrüche.
Therapeutisch ist wichtig: Diese Abstürze sind nicht Scheitern, sondern Teil der Erkrankungslogik. Sie zeigen, wie früh erworbene Strukturen wirken – insbesondere das Misstrauen gegenüber Stabilität. Ziel ist deshalb nicht, das „Loch“ der Leere zu schließen, sondern darüber zu arbeiten, trotz der Leere zu leben. Das bedeutet: Stabilität von außen aufbauen, ohne Heilungsillusionen zu nähren.
Das Eiermodell hilft, Rückfälle vorhersehbar zu machen. Wenn Therapeut:innen und Patient:innen gemeinsam verstehen, dass der Weg aus der Destruktivität immer wieder durch Phasen der Instabilität führt, lässt sich verhindern, dass Abstürze als persönliches Versagen gedeutet werden. Stattdessen entsteht die Haltung: „Ich weiß, warum das passiert – und wir gehen weiter.“
Das Ziel bleibt realistisch: kein Versprechen von Glückseligkeit, sondern mehr Lebensfähigkeit im Alltag – wohnen, Schule oder Arbeit halten, Beziehungen gestalten, Selbstverletzung reduzieren, Drogen vermeiden, Therapie fortsetzen. Keine großen Wunder, aber echte Fortschritte.
Damit wird das Eiermodell zu einem Werkzeug, um die Dynamik zwischen Aufstieg und Rückfall zu verstehen – und um Halt zu finden, wo vorher nur Kreisen war.
Wir freuen uns über Rückmeldungen, Fragen und Erfahrungen zu diesem Modell – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Die Behandlung der Borderline Störung #1 – Das Hausmodell
2025/10/29
In dieser Episode schließen wir unseren Symptoms-Block zur Borderline-Störung ab und schlagen die Brücke zur Behandlung. Ausgangspunkt ist eine nüchterne Einsicht: Das klinische Bild ist „bunt“ – vielfältig, wechselnd, kontextabhängig. Kein Podcast kann die ganze Breite abbilden; unser Ziel war, Kernsymptome und typische Selbst- und Beziehungsdynamiken verständlich zu machen, ohne dabei zu vereinfachen.
Einige Themen – etwa selbstverletzendes Verhalten, akute und chronische Suizidalität oder Suchtmittelkonsum als vermeintliche Affektregulation – streifen wir nur, weil sie eigene, sorgfältige Vertiefungen brauchen. Sie sind jedoch eng mit dem Grundproblem verknüpft: Wenn innere Zustände nicht stabil reguliert werden können, entsteht der Impuls, Leere und Anspannung über äußere Reize zu „managen“ – mit hohem Risiko.
Wir sprechen außerdem über einen oft übersehenen Faktor im klinischen Alltag: Symptom-Übernahme in stationären Settings. Längere Klinikaufenthalte – vor allem im Jugendalter – können dazu führen, dass Verhaltensmuster von Mitpatient:innen unbewusst übernommen werden. Deshalb empfehlen wir: Stationär so kurz wie nötig (insbesondere bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung), anschließend konsequent in ambulante Strukturen überleiten, wo Alltag, Schule, Ausbildung und Beziehungen als Übungsfelder zur Verfügung stehen.
Was heißt das für die Behandlung? Zunächst das vielleicht Wichtigste: „Mehr Liebe“ allein heilt nicht. Und ebenso wenig die Gegenbewegung – Rückzug, Ignorieren, Kahlstellen. Menschen mit Borderline-Störung bringen in Beziehungen intensive Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene hervor: Idealisierung und Abwertung, Nähewunsch und Rückzug, Überversorgung und Distanzimpulse wechseln einander ab. Eine „natürlich-intuitive“ Reaktion führt hier oft in Sackgassen. Es braucht professionelle Rahmung, Psychoedukation, klare Strukturen, abgestimmte Teamarbeit – kurz: fachlich begründetes, verlässliches Handeln statt gut gemeinter Spontanpädagogik.
Therapeutisch sprechen wir vom „langen Weg der kleinen Schritte“: keine Heilsversprechen, sondern überprüfbare Fortschritte auf der Funktionalitätsebene (Schule/Ausbildung, Tagesstruktur, Selbstverletzung unterbrechen, Beziehungen organisieren, Therapiefähigkeit aufbauen). Ein zentraler Hebel ist Sprache: Das frühe, vorsprachliche Erleben, aus dem viele Konflikte stammen, lässt sich heute benennen – und damit regulierbar machen. Zwischen „fühlen → handeln“ schieben wir ein: verstehen, sprachlich unterscheiden, Skills anwenden, Spannung senken.
Dazu stellen wir unser Hausmodell vor: Viele Betroffene neigen dazu, Angebote (Therapie, Schule, Sozialarbeit, Beziehungen) unbewusst in das „Schwarze Loch“ der inneren Leere zu werfen – als Ersatz für Bindung. Ergebnis: Nichts bleibt, nichts trägt. Im Hausmodell bekommt jedes „Möbelstück“ seinen Ort und seine Funktion: Schule ist Schule, Therapie ist Therapie, Sozialarbeit ist Sozialarbeit. Wir stabilisieren um die Instabilität herum: strukturieren Tagesabläufe, sichern Bildung und Versorgung, klären Rollen – damit das Haus bewohnbar wird, auch wenn es drinnen noch zieht. Erst wenn diese Außenstruktur nicht mehr in die Leere abwandert, kann innere Arbeit greifen.
Zum Mitnehmen: Borderline ist komplex – aber behandelbar. Mit fachlicher Haltung, guter Psychoedukation, tragfähigen Beziehungen und kleinschrittiger Übung sind heute deutlich bessere Verläufe möglich als noch vor einigen Jahrzehnten.
In der nächsten Folge stellen wir ein weiteres Behandlungsmodell vor. Unsere Broschüre findet ihr über den Link im Profil – Feedback und Fragen sind ausdrücklich willkommen. Denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Die Symptome der Borderline Störung #4
2025/10/10
In dieser Folge von Erzähl mal setzen wir unsere Reihe zur Borderline-Störung fort – diesmal mit einem Blick auf zwei Symptome, die häufig missverstanden werden, aber entscheidend zum Verständnis des Krankheitsbildes beitragen: Dissoziation und psychosenahe Erlebensweisen. Beide Phänomene zeigen, wie tief die frühe strukturelle Störung in Wahrnehmung, Beziehung und Selbstempfinden eingreift.
Wir beginnen mit der Dissoziation – einer frühen, unbewussten Schutzreaktion des Nervensystems. Wenn Gefühle wie Angst, Wut oder Scham so intensiv werden, dass sie nicht mehr aushaltbar sind, „schaltet“ der Körper auf Notbetrieb. Die Betroffenen wirken dann wie „weggebeamt“: Blick starr, Pupillen weit, kaum Ansprechbarkeit. Das Gehirn trennt das emotionale Erleben vom Hier und Jetzt, um Überwältigung zu vermeiden. Diese Form des inneren Rückzugs schützt kurzfristig, führt aber langfristig zu Isolation, Entfremdung und dem Gefühl innerer Leere.
Um der Leere zu entkommen, werden häufig starke Reize gesucht: Selbstverletzung, Substanzkonsum, provokative Konflikte oder riskantes Verhalten. Paradox, aber funktional – denn Schmerz, Streit oder Gefahr schaffen wenigstens das Gefühl, etwas zu spüren. Dissoziation wird so zu einem Teufelskreis: Sie schützt vor Überflutung, verstärkt aber die Trennung von sich selbst und anderen.
Ein zweites zentrales Thema dieser Episode sind psychosenahe Symptome. Wenn die Ich-Struktur – also das innere Gerüst, das zwischen „Ich“ und „Du“, zwischen innen und außen unterscheidet – nicht stabil ausgebildet ist, kann es zu Phänomenen kommen, die an Psychosen erinnern: Misstrauen, paranoide Gedanken („Die reden über mich“, „Die wollen mir etwas“), übersteigerte Selbstbezüge oder kurzzeitige Sinnestäuschungen wie Stimmenhören oder das Gefühl, berührt zu werden. Diese Symptome entstehen nicht aus Wahn, sondern aus der Durchlässigkeit der Ich-Grenzen – dem Verlust der inneren Dichte, die normalerweise Sicherheit und Realitätsgefühl vermittelt.
Oft bestehen dabei Überlappungen zwischen Borderline-Störung und Traumafolgestörungen. Dissoziation ist auch bei Traumatisierungen ein zentrales Symptom, und viele Menschen mit Borderline-Struktur haben zusätzlich traumatische Erfahrungen gemacht. Das erschwert die Behandlung, weil Trauma- und Beziehungsthemen sich gegenseitig triggern: Sobald Nähe entsteht, tauchen Erinnerungen auf; sobald man Distanz schafft, kehrt die Leere zurück. Therapie bedeutet hier, Balance zu lernen – zwischen Fühlen und Aushalten, Nähe und Schutz.
Trotz der Komplexität endet diese Folge mit einer wichtigen Botschaft: Die Prognose hat sich verbessert. Durch spezialisierte Therapieformen, besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen und tragfähige therapeutische Beziehungen ist heute deutlich mehr möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Wir laden euch ein, mitzudenken, zu hinterfragen und mitzuschreiben. Welche Beschreibungen helfen beim Verstehen, wo bleibt Unklarheit? Schickt uns eure Fragen und Erfahrungen – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör mal“.
Die Symptome der Borderline Störung #3
2025/09/29
In dieser Folge des Erzähl mal Podcasts setzen wir die Auseinandersetzung mit den Symptomen der Borderline-Persönlichkeitsstörung fort und widmen uns einem besonders schwierigen, aber zentralen Themenfeld: den sogenannten primitiven Abwehrmechanismen. Diese Mechanismen sind keine bewussten Strategien, sondern unbewusste Schutzfunktionen, die dann zum Einsatz kommen, wenn eine stabile psychische Struktur im Laufe der frühen Entwicklung nicht entstehen konnte.
Im Mittelpunkt stehen drei Phänomene:
Spaltung: Gefühle und Wahrnehmungen, die eigentlich nebeneinander bestehen könnten, werden als unvereinbar erlebt. Eine Person ist entweder „ganz gut“ oder „ganz schlecht“ – ein differenziertes, ambivalentes Bild ist kaum möglich. Das kann nicht nur das Selbstbild der Betroffenen destabilisieren, sondern auch Beziehungen und sogar ganze Teams spalten. Von außen wirkt das oft wie eine bewusste Manipulation, tatsächlich handelt es sich jedoch um ein unwillkürliches, tief verankertes Muster.
Projektion: Innere Zustände wie Angst oder Wut lassen sich nicht halten und werden anderen zugeschrieben. „Der andere ist wütend auf mich“ – obwohl es die eigene, nicht regulierte Wut ist. Dieses Phänomen kann so stark sein, dass die angesprochene Person selbst in den Sog gerät und tatsächlich wütend reagiert. Projektion schafft damit kurzfristig Entlastung, destabilisiert aber langfristig Beziehungen.
Verleugnung: Eine Realität, die zu schmerzhaft oder bedrohlich wäre, wird innerlich „weggeschoben“. Gefühle oder Tatsachen, die schwer auszuhalten sind, existieren im Erleben nicht. Das kann kurzfristig schützen, führt aber dazu, dass notwendige Auseinandersetzungen und Verarbeitung blockiert werden.
Therapeutisch ist wichtig: Diese Mechanismen sind nicht „falsch“, sondern Überlebensstrategien. Sie zeigen an, wo das Nervensystem überfordert ist und wo differenzierende Fähigkeiten erst Schritt für Schritt erarbeitet werden müssen. Psychoedukation, klare Strukturen, sichere Bindungserfahrungen und die Möglichkeit, Gefühle zu benennen und zu halten, bilden hier zentrale Bausteine.
Unser Anliegen bleibt: Verständnis fördern statt zu verurteilen. Was von außen widersprüchlich oder „irrational“ erscheint, ist im Erleben der Betroffenen ein ernsthafter Versuch, mit überwältigenden inneren Zuständen umzugehen.
Wir laden euch ein, mitzudenken und mitzuteilen: Welche Beschreibungen passen, wo braucht es Ergänzungen oder Korrekturen? Schreibt uns gerne eure Gedanken – denn bevor jemand „Erzähl mal“ sagt, braucht es ein aufmerksames „Ich hör mal“.
Die Symptome der Borderline Störung #2
2025/09/17
In dieser Folge vertiefen wir zentrale Symptome der Borderline-Störung und ordnen sie alltagsnah ein. Ausgangspunkt ist eine unbequeme, aber wichtige Annahme: Frühe Resonanzdefizite – also eine unzureichende emotionale Antwort auf die Signale des Säuglings in den ersten Lebensmonaten – können die Grundlage einer „frühen strukturellen Störung“ bilden. Das anzusprechen ist sensibel, weil schnell Schuld- und Schamgefühle auftauchen. Unser Ziel ist kein Fingerzeig, sondern Verstehen: Zusammenhänge sichtbar machen, damit Behandlung zielgerichteter werden kann.
Wir knüpfen an das Bild des „Säuglings-Nervenkostüms“ an: Kognitiv und körperlich längst jugendlich oder erwachsen – aber in zentralen Bereichen der Emotions- und Impulsregulation noch ohne stabile Selbstberuhigung und Affektdifferenzierung. Das erklärt, warum manche Gefühle nicht „ein Teil des Erlebens“, sondern „alles“ werden: Angst, Wut – und die schwer auszuhaltende innere Leere.
Im Fokus dieser Episode stehen drei Phänomene:
Überlebensangst & Verlassenwerden: Für den Säugling bedeutet Alleinsein potentiell Lebensgefahr. Wenn dieses Muster fortwirkt, wird Nähe zwar ersehnt, aber kaum genossen – denn parallel meldet sich die Erwartung des Verlusts. Daraus entstehen paradoxe Strategien: lieber „vorwegnehmen“ und Beziehungen abbrechen, als das drohende Verlassenwerden auszuhalten.
Fehlende Objektkonstanz: Wer emotional gebunden ist, „hat“ die andere Person innerlich – auch wenn sie physisch abwesend ist. Fällt diese Fähigkeit weg, fühlt sich Abwesenheit wie Verschwinden an. In Kombination mit Verlustangst verstärkt das heftige Beziehungsschwankungen und Selbstzweifel.
Innere Leere & Affektdifferenzierung: Wenn ein stabiles Bild von sich selbst (Vorlieben, Werte, Körperlichkeit, Sexualität, Orientierung) nicht entstehen konnte, bleibt oft ein Vakuum zurück. Viele Betroffene beschreiben das als quälende Leere, die mit intensiven äußeren Reizen „überstimmt“ werden soll – bis hin zu Selbstverletzung oder suizidalen Impulsen. Von außen wirkt das irrational; im Erleben ist es der Versuch, überhaupt etwas zu spüren oder Kontrolle zurückzugewinnen.
Therapeutisch bedeutet das: Psychoedukation und Affektarbeit (Gefühle benennen, unterscheiden, an Auslöser binden) sind keine Nebensache, sondern Grundpfeiler. Ebenso wichtig sind beziehungs- und stabilitätsfördernde Rahmenbedingungen, die Nähe ermöglichen, ohne zu überfluten – denn „mehr Liebe“ allein ist keine Lösung, wenn das Nervensystem mit Intensität (auch positiver) überfordert ist.
Wir laden euch ein, mitzudenken und mitzufühlen: Welche Beschreibungen passen, wo braucht es Korrektur oder Ergänzung? Teilt eure Fragen und Erfahrungen gern in den Kommentaren – denn: Vor jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
Frühe Resonanz und das Risiko einer Borderline-Störung
2025/09/14
Wie entsteht eine Borderline-Störung – und warum spielen die ersten 20 bis 24 Lebensmonate eine so entscheidende Rolle?In dieser Episode von Erzähl mal geht Dr. Murafi auf einen besonders sensiblen Bereich der frühen Entwicklung ein: die Bedeutung von emotionaler Resonanz zwischen Eltern und Kind – und was passiert, wenn sie ausbleibt.
Kinder kommen physiologisch betrachtet als „Frühgeburten“ zur Welt und sind in den ersten Lebensmonaten vollständig darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen ihre Signale wahrnehmen, deuten und in eine emotionale Sprache übersetzen. Diese Resonanz hilft dem Kind zu verstehen: Was fühle ich? Wer bin ich? Wie kann ich mich beruhigen?Doch was geschieht, wenn diese Resonanz nicht in ausreichendem Maß entsteht?
Dr. Murafi zeigt auf, dass es nicht um Schuld geht, sondern um äußere und innere Umstände, die Eltern daran hindern können, auf ihr Kind einzugehen – zum Beispiel:
eine postpartale Depression, die die Feinfühligkeit und Zuwendung einschränkt,
schwere psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen,
frühe körperliche Erkrankungen des Kindes selbst, die lange Krankenhausaufenthalte oder Intensivpflichtigkeit erfordern und dadurch Resonanzphasen verhindern,
oder auch medizinische Komplikationen wie unerkannte Hirnblutungen, die das Kind in einen reduzierten Reaktionszustand versetzen.
Bleibt in dieser Zeit die notwendige Resonanz aus, kann das Gehirn – insbesondere der Hippocampus, eine zentrale Struktur für Emotions- und Impulsregulation – nicht ausreichend reifen. Die Folge: ein erhöhtes Risiko, dass sich eine Borderline-Störung entwickelt.
Besonders tragisch: Diese fehlende Resonanz lässt sich später nicht nachholen. Auch gut gemeinte Versuche, „Liebe heilt alles“, können überfordernd wirken – sogar positive Zuwendung kann als Überstimulation erlebt werden und dieselben Reaktionen hervorrufen wie negative Erfahrungen: Selbstverletzung, Suizidalität oder massive emotionale Krisen.
👉 In dieser Episode lernst du:
warum frühe Resonanz so grundlegend für die psychische Stabilität ist,
welche Risikofaktoren die Entwicklung einer Borderline-Störung begünstigen,
und warum Betroffene auf Beziehungsangebote oft so ambivalent reagieren.
🎙️ Dr. Murafi erklärt, warum es so wichtig ist, diese Zusammenhänge ohne Schuldzuschreibung zu verstehen – um Betroffene nicht falsch einzuordnen, sondern fachlich fundiert und langfristig stabil begleiten zu können.