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Lob und Verriss - Der Podcast

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Dieser Podcast hat
191 Episoden
Sprache
German
Explizit
Nein
Erstellt am
2009/08/09
Neueste Episode
2026/04/21
Durchschnittsdauer
17 min.
Veröffentlichungsintervall
15 Tage

Beschreibung

Literaturkritik und Themen, die uns bewegen lobundverriss.substack.com

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Elizabeth Strout - Erzähl mir alles
2026/04/21
Treue Elizabeth Strout Fans sowie Kenner und Liebhaberinnen ihrer Figuren dürften sich gefreut haben, als kürzlich, nämlich im März, endlich ein neuer Roman der amerikanischen Autorin veröffentlicht wurde. Dabei erschien Tell me everything, wie er im englischen Original heißt, bereits im vorangegangenen Jahr in Deutschland im Original, und noch ein Jahr davor bereits auf dem amerikanischen Markt. Somit ist Erzähl mir alles, wie Elizabeth Strouts Roman im Deutschen heißt, also längst nicht mehr ganz neu, aber für die in ihrer Muttersprache lesende Rezensentin eben schon. Nicht neu hingegen sind die der Leserin lieb gewonnenen Figuren, die schon aus diversen vorangegangenen Romanen Strouts geläufig sind und deren Leben wir bereits recht gut kennen. Dabei stechen vor allem Lucy Barton hervor, deren Entwicklung und Lebensweg bereits in vier Romanen beleuchtet wurde, sowie Olive Kitteridge, deren Leben die Autorin zwei Romane gewidmet hat und die ebenfalls als Miniserie verfilmt und bereits in diesem Format von mir besprochen wurden. Nun ist es aber so, dass alle Figuren, die Strout ihrem literarischen Universum zufügt, immer wieder auftauchen, sei es als Randfigur oder Hauptakteur. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass uns das Personal in Erzähl mir alles reichlich vertraut ist. Die Hauptfiguren sind Lucy Barton, ihres Zeichen erfolgreiche Schriftstellerin aus New York, die seit Corona in Crosby, Maine mit ihrem Exmann William lebt, was von der einheimischen Bevölkerung eher skeptisch betrachtet wird. Außerdem Olive Kitteridge, die ihre ganz eigene und spezielle Art im Umgang mit Menschen pflegt, vor langer Zeit Lehrerin in Crosby war, die aber zum Zeitpunkt der Handlung bereits 90 Jahre alt ist und in einem Altersheim lebt, jedoch nichts von ihrem unvergleichlichen Wesen eingebüßt hat. Als Dritten im Bunde und auch bereits wegen seiner tragischen Familiengeschichte bekannt, ist Bob Burgess. Er ist Anwalt, mit Lucy befreundet und, wie uns die Autorin direkt zu Beginn der Geschichte wissen lässt, der eigentlich Protagonist. Zu Beginn des Romans werden Olive und Lucy durch Bob einander vorgestellt, da sie sich bisher nicht persönlich kannten, Olive Lucy aber aufgrund ihres Berufs als Schriftstellerin ausgewählt hat, um ihr eine Geschichte zu erzählen, von der sie glaubt, dass diese damit vielleicht etwas anfangen kann. Die Erzählung, die anschließend folgt, dreht sich um ihre Eltern, vor allem aber ist es eine tragische Liebesgeschichte. Sie markiert den Ausgangspunkt für die nun regelmäßig stattfindenden Treffen zwischen Olive und Lucy, in denen sie sich gegenseitig Geschichten über Menschen erzählen, Menschen, die Lucy im Verlauf des Romans als „unbeachtete Leben“ bezeichnet und nach deren Lebenssinn sie fragt. Im Fokus stehen aber auch die Gespräche zwischen Bob und Lucy, die eine späte, enge Freundschaft verbindet, die auch deren jeweiligen Partnern insofern recht zu sein scheint, da diese viel mit sich selbst beschäftigt sind. Dass Lucy und Bob im Laufe der Zeit mehr als nur freundschaftliche Gefühle füreinander hegen, offenbaren sie sich gegenseitig nicht, so dass auch ihre Geschichte ein weiteres Zeugnis unerfüllter Liebe im Roman darstellt und die sich – entgegen des Buchtitels – eben nicht alles erzählen und dafür ihre Gründe haben. Letztlich würde es zu weit führen, auf all die Biografien und Lebensläufe einzugehen, von denen uns Elizabeth Strout berichtet und dafür sollte man schließlich den Roman lesen, aber eine thematische Einordnung ist dennoch möglich. Neben bereits erwähnten Liebesgeschichten geht es auch um zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen, um Schuldgefühle und Traumata, die unser ganzes Leben beeinflussen und die vielleicht sogar auf Missverständnissen beruhen. Aber auch die Themen Älterwerden und Einsamkeit ziehen sich durch den Roman und führen schließlich zu der Frage, wie wir leben wollen und mit Erlebtem umgehen. „Wir glauben gern, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen, haben die Weichen für uns gestellt.“ (S.35) Eine zusätzliche Wendung in der Handlung ist eine Kriminalgeschichte, in der Bob in seiner Rolle als Anwalt tätig wird, in der es aber nicht weniger um Familie, Lebensläufe und Verbundenheit geht. Alles hängt zusammen und wird von Strout fein miteinander verwoben, so dass sie einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf die Leben wirft, die unbeachtet zu sein scheinen und nach deren Sinn sie ihre Protagonistinnen immer wieder fragen lässt. Das Tiefgreifende wird bei Strout in das Alltägliche eingebettet, ohne dabei kitschig zu sein. Aktuelle politische Verweise werden dabei fein säuberlich immer wieder eingestreut. Worin sich Elizabeth Strout treu bleibt, ist die Tatsache, dass der Roman für sich steht und auch ohne Kenntnis ihrer vorangegangenen Werke gelesen werden kann. Für diejenigen, die ihr Oeuvre bereits kennen, ist es ein weiterer Ausflug in die komplexe Figurenwelt, die die Autorin über Jahre hinweg geschaffen hat und über die es immer noch etwas zu erfahren gibt. Wie ich bei meiner Recherche außerdem feststellen durfte, erscheint bereits am 05. Mai ihr neuer Roman The things we never say in englischer Sprache in Deutschland und der Titel verweist doch auf einen engen, wenn auch konträren Bezug zu Tell me everything. Je nachdem wie lange wir auf die Übersetzung warten müssen, wird es wohl früher oder später wieder eine Rezension eines Elizabeth Strout Romans geben und bis dahin verbleibe ich mit einer Empfehlung. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Szczepan Twardoch: Der Boxer
2026/04/12
„Das Sein bestimmt das Bewusstsein!” Wer hat’s gesagt? Na? Wieder keiner? Der olle Marx war’s! Das wussten natürlich alle Lob und Verriss-Leserinnen aber vor hundert Jahren wusste das so ziemlich jeder, denn Karl Marx war noch ein bestimmender Philosoph und keine versubstantivierte Ideologie. Man baute seine politischen Bewegungen um, gegen oder für seine Schriften. Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten gegen Nationalisten, Zentrums- und Volksparteien – das waren nur ein Bruchteil der neuen politischen Bewegungen. Das endete in den Auswüchsen der Weimarer Republik mit ihren siebzehn Parteien im Reichstag und der daraus folgenden Lähmung des Parlamentarismus, aber auch die Nachbarländer kamen in den Strudel dieses Chaos, es war die Zeit. Ins polnische Parlament, den Sejm, kamen und gingen über die jahre gar zweiunddreißig Parteien. Politik, so kommt es einem mit dem Blick von heute vor, war Lebenszweck, war Sport, war Theater. Nach der Erstarrung des Lebens in den immergleichen Kreisläufen des Mittelalters, aufgebrochen durch die industrielle Revolution, die den Reichtum nur vom Adel zum Bürgertum verteilte, gab Marx den Habenichtsen Ideen (und Wege, diese zu verwirklichen!) an die Hand, um die Gesellschaft zu ihren Gunsten zu verändern. Der Erste Weltkrieg hatte zudem die Verkrustungen auf nationaler Ebene brutal aufgebrochen, mit dem Nebeneffekt zwei Dutzend Monarchien zu beenden. Neue Länder entstanden, alte vereinigten sich wieder und all diese Staaten brauchten neue Gesellschaftsmodelle. Die Unordnung war aufregend für alle, die nach vorn wollten, (ver-)störend für alle, die wollten, dass sich nichts verändere oder die einfach keine Chance sahen, am großen Rennen in die Zukunft teilzunehmen. Für alle, die gar nicht durchsahen oder durchsehen wollten, gab es natürlich immer die Alternative, auf die Basics zurückzufallen - der gute alte Rassismus: die dort zu braun, der zu blond, dem seine Nase zu platt und die andere zu hakelig. Das erdet und reduziert die Komplexität und die Juden haben eh schon immer gestört. Da können wir Deutsche mitreden, da sind wir Experten. Weshalb wir da eben eher nicht mitreden sollten und im Gegenteil recht dankbar sind, wenn andere die Stories erzählen vom Leben vor der Shoah: vom Überleben, vom Sterben und vom Töten. Über all das ist intensiv, gewalttätig und unendlich faszinierend zu lesen in “Der Boxer”, einem Roman, im Warschau der dreißiger Jahre spielend, in dem der polnische Autor Szczepan Twardoch uns die schwere Arbeit abnimmt, ein Bild von jüdischem Leben zu zeichnen in und außerhalb dessen, was von den Deutschen nur wenige Jahre später zum “Warschauer Ghetto” gemacht wurde – nicht, dass die polnische Mehrheit in der Stadt viel dagegen gehabt hätte. Aber das Buch hat eben nichts mit solchem Schwarz-Weiß-Holzschnitt zu tun, der herauskommen muss, wenn das Tätervolk vom Opfervolk berichtet. Die Erzählerstimme im Buch ist Mojżesz, ein zur Handlung 1937 siebzehnjähriger Junge, streng jüdisch erzogen, lebend in Warschau, und da es damals nicht “ein” Warschau gab, braucht es die Qualifizierung: “links der Weichsel”, zwischen Nalewki und Zamenhofstraße, in Mirów und Muranów, dort, wo Warschau nicht wie Paris roch, sondern wie der Orient, wie uns Twardoch erzählt. Wir sind nicht wirklich lange im Buch, als wir erfahren, das Mojżesz Halbwaise ist. Sein Vater Naum Bernstein wurde umgebracht, gerade eben erst, zwei Tage vorm Pessachfest, und eigentlich müsste er in den Tempel, und wer bestellt eigentlich das Kaddisch, seine Mutter weint den ganzen Tag, sein Bruder ist zu klein dafür, also eigentlich sein Job, aber er hat Karten bekommen für den Boxkampf in der Stadt, das Team von Legia vs. dem von Makkabi, und wir lernen bald, wenn wir nicht ganz so firm sind in den ethnischen Hintergründen beider Teamnamen, hier kämpfen Polen gegen Juden, hier ist Prestige im Spiel oder sagen wir einfach: Rassismus. Die Eintrittskarte hat er von seinem Helden bekommen, Jakub Shapiro, dem Boxmeister des Viertels, ein schöner Mann, ein starker, ein reicher zudem, Frauen lieben ihn, Männer beneiden ihn und ausgerechnet der hat dem kleinen Mojżesz ein Ticket geschenkt und er darf mit ihm hinterher im Auto fahren, einem roten Chrysler, der aber nicht dem Boxer selbst gehört (der hat “nur” einen Buick), sondern seinem Chef, der unverholen “Der Pate” genannt wird und genau das ist, ein Pate, Chef der jüdischen Unterwelt: Schutzgeld, Prostitution, Drogen, das ganze Programm, der Boss im Viertel, der vor genau zwei Tagen Jakub, dem Boxer, den Auftrag gab, Mojżesz’ Vater umzubringen. Und mit den beiden sitzt Mojżesz jetzt im Auto. Oha. Ok. Jesus… Sorry. Falscher Zungenschlag. Das alles weiß in dem Augenblick nur der erzählende Mojżesz, der das als fast Siebzigjähriger aufschreibt. Wir erfahrne das immer wieder in Zwischensätzen, kurz herausgerissen aus der Geschichte vom jungen Mojżesz, wie der alte kurz von der Schreibmaschine aufsteht und auf die Dizengoff Street in Tel Aviv runterschaut, aus seinem Apartment, das er viel zu selten verlässt. Warum schenkt der Mörder dem Sohn des Opfers Tickets zum Boxkampf? Warum, wie es sich entwickelt, nimmt er ihn in seine Obhut, lässt ihn bei sich leben, trainiert mit ihm, macht ihn zu seiner rechten Hand? Schuldgefühle? Scham? Nach einem Jahrzehnt im Dienst des “Paten” eigentlich unwahrscheinlich, wird uns dieses Rätsel bis zum Ende des Romans begleiten, ja, es ist das zentrale Thema des Buches und am Ende ein Baustein für so manche Wendung. Nicht nur mit dem Mord, sondern mit der Art und Weise desselben setzt das Buch den Ton für eine Gangsterstory, einen politischen Thriller, ein Moralitätenstück angesiedelt im Polen zwischen 1918 und 1939. Denn der Mord war brutal, Naum Bernstein wurde nicht einfach umgebracht, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, er wurde gevierteilt und in die verschiedenen Seen in und um Warschau verteilt, in Teile zerhackt wie der weiße Hahn, den man zu Pessach über dem Kopf schwenkt und dem man hinterher den Kopf abschlägt auf dass man von allen Sünden erlöst sei. Religion, you know. So brutal ging es in der gesamten zweiten polnischen Republik zu, wie sie genannt wurde. Entstanden war sie aus den Wirren des ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution, nach denen Polen die Chance zur Wiedervereinigung ergriff und verspielte. Wie sich Polen mit wem wiedervereinigte? Frag Chat. Wer sich in Polen politisch mit wem stritt, zoffte, intrigierte, putschte: versuch es zu verstehen, überlies es, lies den hervorragenden Anhang des hervorragenden Übersetzers Olaf Kühl zuerst oder: Frag Chat. Es ist endlos kompoliziert. Derart verworrene politische Chaosjahre künstlerisch zu verarbeiten kann enorm abturnend sein, wie ich kürzlich lernen musste, in einem dreistündigen Theaterstück, geschrieben nur ein paar Jahre vorm Handlungszeitraum des “Boxer” vom doch großen Hans Fallada. Das Stück “Bauern, Bonzen und Bomben” wurde gegeben am Dresdner Staatsschauspiel und es wurde einzig durch die Schauspieler und vor allem das Bühnenbild herausgerissen. Denn ob die Sozis, der Bauernpartei oder den Nationalen gerade im Bürgermeisteramt einer holsteinischen Kleinstadt Demonstrationen erlauben oder verbieten, interessierte die Theatergängerin 1931 sicherlich, eventuell, hundert Jahre später aber eher nicht. Denn so etwas spannend zu erzählen braucht es keinen begnadeten und innovativen Autoren der “Neuen Sachlichkeit” wie Hans Fallada, da braucht es einen Punk, einen atemlosen, rücksichtslosen Schreiber wie Szczepan Twardoch der uns die politischen Wirren des Warschau zwischen den Weltkriegen in einer Brutalität, Schmutzigkeit und oft kaum auszuhalten schmerzevoll in einem Stakkato von Szene zu Szene zu Szene um die Ohren haut - wir kommen oft genug nicht hinterher. Nicht nur wegen der real existierenden polnischen Politikernamen, die wir nur anhand der Diakritika an den Buchstaben ausseinanderhalten können, jeder Ausspracheversuch muss scheitern. Der mit P und durchgestrichen I ist Präsident (Ja, war Józef Piłsudski nicht wirklich, it’s complicated), der mit L und durchgestrichenem T der Staatsanwalt, wer war nochmal der mit D und dem Schwänzchen unter dem E? Geschrieben ist das Ganze in einem mir sonst eher unangenehmen wilden Herumgespringe in der Zeit, von 1929 nach 1918 nach 1926 nach 1988 und wieder zurück, dazu die vielen Namen, die nur mit hartem Training bei Ellroy oder Pynchon zu durchsteigen (oder zu ignorieren) sind – es ergibt sich ein Vertigo, wie es die Zeitzeugen der Epoche selbst erlebt haben müssen und welches wir Szczepan Twardoch mal als gewolltes Stilmittel unterstellen. Nach ein paar Seiten Eingewöhnung wandelt sich das leicht verwirrte Lesen in manisches Pageturnen – man legt das Buch nicht mehr weg, man will die nächste Episode, die nächste kleine Backstory eines Charakters (oft im Sinne von “was ein Charakter!”) lesen. Ja, das Buch ist lang, aber es ist brillant und unglaublich gut übersetzt. Und so hangelt man sich also durch den politischen Urwald der 2. polnischen Republik und lernt doch viel, wenn man sich drauf einlässt, und es wird nicht einfacher dadurch, dass praktisch alle handelnden Personen permanent Wodka trinken, koksen, Frauen vergewaltigen, politische Gegner misshandeln, einsperren, umbringen – oder sich im allerbesten Fall nur mit ihnen prügeln. Wir sind nach spätestens hundert Seiten so abgestumpft, dass wir erschrocken Mitleid mit Mördern haben, Sympathie für Rechtsradikale entwickeln, Geldeintreiber als wertvolle Ordnungsmacht der Gesellschaft akzeptieren. Nur Vergewaltiger bleiben geradeso außerhalb unseres Verständnishorizontes, aber auch nur, weil Twardoch sich entscheidet, diese am Ende doch eindeutig als Bösewichte zu belassen. Alle anderen bekommen eine schwere Kindheit, ein Kriegstrauma, eine körperliche Missbildung (und wa
Oklahoma!
2026/03/15
Am 31. März 1943 bahnte sich ein Umschwung im Zweiten Weltkrieg an. An der Ostfront war endlich Tauwetter, so dachten sich die Fußsoldaten, die Panzergrenadiere merkten jedoch schnell, dass fünfzig Tonnen Eisen unterm Arsch unter diesen Bedingungen nicht die besten sind, einen Weltkrieg zu gewinnen. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Die Diskussion: Ditlevsen, Kawakami, Wambaugh
2026/03/08
Im neue Literaturrubriken erfinden sind wir stark und wie gut sie passen, laden wir unsere Hörerinnen und Hörer gerne ein, selbst zu überprüfen. Die Bücher sind alle ein bisschen darker als das sein muss, aber manchmal muss das auch sein, als da wären Mieko Kawakami: Heaven (rezensiert von Irmgard Lumpini), Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will (rezensiert von Anne Findeisen) und Joseph Wambaugh: Hollywood Station (rezensiert von Herr Falschgold). This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
2026/02/22
Zum Zeitpunkt ihres Todes, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, war Tove Ditlevsen eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen Dänemarks, zu deren Begräbnis hunderte Menschen erschienen und ausharrten, um sich von der Dichterin verabschieden zu können. Und das wollte sie auch immer sein: eine Dichterin, besser gesagt eine Lyrikerin. Obwohl wir gerade in Deutschland bisher hauptsächlich ihre Romane kennen, was vor allem daran liegen dürfte, dass diese bereits ins Deutsche übersetzt wurden, wurde sie in ihrem Heimatland vor allem durch ihre Gedichte bekannt, die von Anfang an viel Aufmerksamkeit erregten. Dies lag unter anderem daran, dass die Lyrik noch nicht den Stellenwert besaß, den sie später erlangte und Tove Ditlevsen mit 22 Jahren als Frau und Arbeitertochter auf dem Literaturmarkt eine regelrechte Sensation war. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie acht Gedichtbände, sowie weitere Bände mit ausgewählten Gedichten, über die Übersetzerin Ursel Allenstein im Nachwort des eben erschienen Gedichtbandes Folgendes schreibt: „Sie gingen ins kulturelle Gedächtnis des Landes ein und blieben dort auch nach ihrem Tod im Jahr 1976 lebendig, wurden von Großmüttern an Töchter und Enkelinnen weitergegeben, in Poesiealben geschrieben, von Musikerinnen […] vertont.“ (S.175) Die in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will veröffentlichten Gedichte umfassen einen Zeitraum von vier Jahrzehnten und sind nicht chronologisch angeordnet, sondern „[...] bilden einen thematischen Dialog zwischen jenen Gegensätzen, in den Gedichte aus jeder Phase des Werks miteinander treten[...]“ (S.179). Aufgrund der großen Zeitspanne sind sie nicht nur thematisch äußerst vielfältig, auch eine Veränderung in Ditlevsens Schreibstil – ihre Entwicklung als Lyrikerin und Mensch – ist deutlich zu spüren. Die späteren Gedichte muten oft mehr wie Erzählungen oder Beobachtungen an, was zum einen am nun häufigeren Verzicht der Reimform liegt, zum anderen am lyrischen Ich, das deutlich abgeklärter und desillusionierter wirkt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich die Jahreszahlen, die den Gedichten beigefügt sind, lediglich auf das Jahr der Veröffentlichung des entsprechenden Gedichtbandes beziehen. Wann einzelne Gedichte genau verfasst wurden, ist teilweise nicht mehr rekonstruierbar oder en detail nachzuvollziehen. Die Auswahl der Gedichte, für den an dieser Stelle besprochenen Gedichtband, geben einen guten Einblick über die Themen, die Tove Ditlevsen zeitlebens beschäftigt haben mögen und auch in ihren Romanen immer wieder zu finden sind. Es ist die Beschäftigung mit der Frau, der Freundin, der Familie; als sie selbst, in allgemeinen Betrachtungen des Alltags oder als ihr Gegenüber. „Ich kannte die stumme Einsamkeit ein Lächeln, als seist du nicht hier – von meinem eigenen Spiegelbild und sah mein Gesicht in dir.“ (aus: Vertraut, S. 95) Auch das Kind oder Kind-sein ist ein zentrales Motiv, das sie in vielfältiger Weise bearbeitet. Dabei ist sie entweder selbst das Kind, erinnert Dinge aus der Kindheit, aber auch Kindheit im Allgemeinen, das Erwachsenwerden, sowie Mutterschaft und Ehe stehen thematisch in enger Verbindung. „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben kann, bis ich selbst kaum noch glaub, dass uns etwas verbindet, ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an, als suchte sie etwas, das man allzu schwer findet.“ (aus: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, S. 167) Als thematischen Gegenspieler zum Kind-sein empfinde ich ihr stetiges Befassen mit dem Tod. Wie eng die Themen miteinander verwoben sind, zeigt das eben genannte Zitat besonders deutlich. Es ist aber auch ein Thema, das erschöpfen kann. Die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und auch einer gewissen Todessehnsucht, die durchaus aus ihren Gedichten hervorgeht, ebenso wie die Gedanken an den Tod anderer oder das tatsächliche Erleben dessen strengen an. Sie machen traurig, erschöpfen, lassen das eigene Leben in einem neuen Licht erscheinen, werfen Zweifel auf und sind dennoch unvermeidlich. Ich stelle mir vor, dass es für Tove Ditlevsen auslaugend gewesen sein muss und trotzdem sind ihre Gedichte nicht frei von Hoffnung. Sie ver- und bearbeitet ihre Ängste und Sehnsüchte, reflektiert und porträtiert sich selbst und andere, stellt Beobachtungen an und erschafft mit ihren Gedichten, so viel wird an der Auswahl in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will klar, eine lyrische Zusammenfassung ihres Lebens. „Wächst das Glück wie eine Perle leise und an vielen Tagen, dann lieb ich – seltsam, aber treu – alle meine Niederlagen“ (aus: Abwechslung, S. 31) This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Joseph Wambaugh: Hollywood Station
2026/02/15
So hart gesellschaftliche Umbrüche für die direkt Betroffenen sind: Kämpfer, Bürger, Mitläufer, Täter, gibt es zusätzlich Kollateralgeschädigte, die wir nicht vergessen wollen: die Connaisseure der im Umbruch unvermeidlich untergehenden Kulturprodukte, der originären Kunst der überwundenen Verhältnisse. Hechelte man als Zoni Prä-89 noch jedem Hauch subversiven Kunstwerks hinterher: das nur im Westen erschienene Buch, der Film, der es gerade so durch die Zensur geschafft hatte und als kompromittiertes und meist ziemlich langweiliges Stück Zelluloid mit den immer gleichen Schauspielern deutlich braver war als erwartet, interessierte all das 1990 niemanden mehr. Dreißig Jahre später bekommt mich selbst ein guter Kundera kaum hinter dem Ofen hervor, sorry, Radim, zu viel Neues, Interessantes ist zu lesen, zu verstehen. Das gleiche Phänomen könnten wir nun, fünfunddreißig Jahre nach dem Mauerfall in den USA beobachten, wo aus einer fehlerhaften Demokratie ein waschechter Polizeistaat gemacht werden soll und keinen Redneck, keine Bluestate-Intellektuelle oder gar oppositionelle Politiker scheint es groß zu interessieren und wenn sie mal den Anschein erwecken, bleiben sie ratlos im Angesicht der Faschisten, als ob es keine Erfahrungen gäbe, wie mit solcherlei Vandalismus umzugehen sei. Das ist furchtbar für alle, die nicht weiß genug sind und von frisch angeheuerten Schergen der Ausländerbehörde ICE auf offener Straße entführt werden, furchtbar für die Angehörigen der Engagierten, die beim Versuch, das zu verhindern, erschossen oder schwer verletzt werden. Wie bekomme ich jetzt bloß die Kurve zur Kunst? Fangen wir noch mal an: War es das mit der liberalen Demokratie in den USA? Kommt jetzt der Polizeistaat von New Hampshire über Minnesota bis San Francisco? Und: war der nicht schon immer? Fing es nicht mit dem Sheriff an, damals, vor zweihundert Jahren, der den Bandenführer eigenhändig aufknüpfte, statt auf den Friedensrichter zu warten, der den Schänder am Ende freispricht? Und ließ zur selben Zeit nicht sein Kollege in den Südstaaten die Rollos runter, weil vor seinem Fenster der Plantagenbesitzer einen Sklaven teeren und federn ließ, weil sich seine Tochter in ihn verknallt hatte und die beiden abhaun wollten? “Was ist neu an Polizeiwillkür?”, kann man fragen. Neu ist die Haltung, vertreten von der amtierenden Regierung, dass das alles genau so in Ordnung war und gerne wieder so sein soll. Selbst im grimmigsten Western der die Geschehnisse verarbeitet, kommt am Ende der Friedensrichter und tadelt den Sheriff, damit der Zuschauer weiß, wo law her- und order hinkommt. Und 1861 wurde vom Norden ein ganzer Bürgerkrieg losgetreten, damit die Lynchjustiz im Süden ein Ende habe. Heute korrumpiert die Regierung die Justiz und erklärt zur Legende, dass es im Amerikanischen Bürgerkrieg um die Abschaffung der Sklaverei ging, erklärt stattdessen in Republikanischen Bundesstaaten eine Mindeheitenmeinung zum Curriculum, die versucht den Bürgerkrieg zum Kampf um die Rechte von Bundesstaaten zu machen. “Ok,” so die Frage, “wir sehen den Umbruch, aber was hat das mit der amerikanischen Kultur zu tun?” Die Antwort: “Rambo I - First Blood.” Der Vietnamrückkehrer Sylvester Stallone wird dort von einer Horde selbstgerechter Dorfbullen mit viel Munition und wenig Skill in Grund und Boden geschossen und es ist von Anfang an klar, auf wessen Seite man steht, wer der Gute ist, wer die Bösen sind. Und das wäre heute anders! Denn da bezeichnen Trump & Co. den auf offener Straße hingerichteten Krankenpfleger im Veteranenkrankenhaus, Alex Pretti, als Aufständigen, als Unruhestifter, als “would-be assassin“ gar. Nichts davon ist wahr. Die dummen Bullen aus Rambo I sind an der Macht. Das versaut den Filmgenuss, zu krass ist das Umkippen der Realität und kein Happy End in Sicht. Nun ist der Spin des ersten Rambo-Films - Hero: gut, Bullen: böse - ja eher ungewöhnlich. Normalerweise sind die FBI-Beamten clever, der Sheriff gutmütig mit Schmerbauch und großem Herz, und der Anwalt gewieft, wie er das Justizopfer raushaut. Aber, leider, auch so herum funktioniert die Kulturverlusttheorie: der ganze s**t ist vor dem Hintergrund von ICE-Konzentrationslagern und dem sinnlosen Erschießen von Bürgern einfach nicht mehr konsumierbar. Zumindest geht mir das so. Denn selbst wenn sich Kunstschaffende nicht dem Diktat der gesellschaftlichen Stimmung beugen (wie sie es im Allgemeinen wenigstens versuchen) und weiterhin die Heldenepen von Law und Order singen, die nötige kognitive Dissonanz, um das vergnügt zu konsumieren, kann ich nicht aufbringen. Ein paar Beispiele: Der letzte Reacher war nicht nur schlecht geschrieben, auch inhaltlich ist er nicht mehr haltbar. Wie kann man dem Buch die Story abnehmen, dass die Korruption im militärisch-industriellen Komplex durch den heldenhaften Einsatz moralisch aufrecht gehender Muskelpakete gestoppt werden kann, im Angesicht von Oracle, einem Privatunternehmen, das über die Jahre fast eine halbe Milliarde Dollar an die aktuelle Regierung spendete und im Gegenzug der US Air Force ihre Cloud verkauft? (Wer denkt, das sei ein Verlustgeschäft, hat das mit dem Technofeudalismus noch nicht verstanden.) Und selbst der letzte Michael Connelly, ein Lincoln Lawyer Thriller, der sich um die Verantwortlichkeit von AI Firmen für ihre Produkte und deren Konsequenzen kümmert und bei dem natürlich der gute Anwalt gewinnt, wirkt unglaubhaft, wenn sich die vorbildgebenden Firmen mit Millionenspenden an ihren Tanzbär passende Gesetze kaufen, die genau das im richtigen Leben verhindern. (Immerhin ist das Buch gut geschrieben und für ein solches Thema exzellent recherchiert). Gefühlt rutschen hier zwei Drittel der amerikanischen Popkultur in die Spalte “unlesbar”. Was bleibt da noch zu konsumieren? Vielleicht sowas: Oberflächlich nicht ganz so Fun wie ein brainless thriller von Lee Child wäre da zum Beispiel dieser Klassiker von Joseph Wambaugh: “Hollywood Station“. Erschienen in 2006, erzählt er als Episodenroman aus dem Alltag im titelgebenden Revier stationierter Streifenpolizisten. Das Ganze spielt Anfang der 2000er und die LAPD steht immer noch unter Beobachtung, nach den Misshandlungen Rodney Kings und den anschließenden Unruhen im Jahr 1992. Wir sagen zunächst “richtig so” und lernen sofort, dass nichts im Leben so eindeutig ist, wie man es auf dem Plenum, respektive am Tresen, postuliert, selbst hier in Germany. Die Lebensrealität so manchen Fußballfans jeglicher Vereinsaffilität ist das zustimmende Hochhalten der A.C.A.B.-Tapete samt obligatorischem Unvergessensgesang, um auf dem Weg vom Auswärtsspiel zum Bahnhof dann doch ganz froh zu sein, dass zwischen ihr und den Hansa-Idioten eine Hundertschaft steht. In dieser Hundertschaft steht dann so mancher gewaltbereite Neonazi, ein einzelnes schwarzes Schaf, keine Frage, absolut, das sagt ja auch die Polizeigewerkschaft, und neben dem faulen Apfel so mancher Idealist, der einfach der Fußballoma den unversehrten Nachhauseweg garantieren will. Dieses Spektrum, in letaler, erlebt die Los Angeleser Streifenpolizistin mit ihrem Partner in den seedy Hinterhöfen des Hollywood Boulevard und wir aufgeklärten Linksversifften müssen ein bisschen hart im Nehmen sein, wenn wir die Meinung der “boots on the ground” so ganz ungefilter zu lesen bekommen: Meinungen, nein: Urteile, man könnte fast sagen: Vorurteile, zu Minderheiten, zu Politikern, zu politischen Aktivistinnen, die wir glattweg als “rassistisch” abtun können, aber wenn die Meinungshabende dann vom schwarzen Pimp ein Auge ausgeschlagen bekommt und wir das alle haben kommen sehen, hinterfragen wir uns dann doch ein bisschen ergebnisoffener und exakt das ist es doch, was Literatur leisten soll. Ich als erklärter Todfeind der Kurzgeschichte bin natürlich gehandicapt ob der Struktur des Buches, aber da sich die Ministories am Ende zusammenfinden, ist das annehmbar. Es war die Zeit von “Smoke” und “Coffee and Cigarettes”, da konnte Joseph Wambaugh gar nicht anders. Deutlich neuer ist das (fast) Erstlingswerk des in den USA lebenden Tschechoslowaken Alexander Boldizar: “The man who saw seconds...”. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt (er schreibt auf Englisch), aber das wird kommen, das Ding hat Preise gewonnen, es ist prädestiniert dafür, in einen erstklassigen Hollywoodthriller portiert zu werden und es ist frappierend aktuell, beginnt es doch mit einer klassischen Episode von Polizeiwillkür und endet in… man darf nicht spoilern, man darf nie spoilern, aber hier bei diesem Buch ist es noch verbotener als sonst. Nie wurde ein Buch geschrieben, welches von einem unrechtmäßigen Polizeistop in der New Yorker U-Bahn so exponentiell eskaliert. Man fragt sich alle Absätze, wie weit der S**t noch gehen soll, was denkt sich Boldizar als nächste Eskalationsstufe aus und man liegt immer daneben. Es ist ein “blast” in allen Wortsinnen und es ist, wie gesagt, hochaktuell. Hoffen wir, dass diese beiden Beispiele nicht die letzten einer untergegangenen Kultur sein werden. Ja, die, nennen wir sie: “Polizeikultur” in beiden Wortsinnen, als gelebte Handlung und als geschriebene Verarbeitung derselben, war nie frei von Dingen, die man kritisieren konnte, musste und vielleicht haben wir, und, wichtiger, die Amerikaner das nicht getan, was zweifellos zum heutigen Klima in den USA führt. Aber, sie war fun, sie war spannend, sie war interessant und man hatte als Europäer immer den bequemen Platz im Ohrensessel, von dem man aus sagen konnte “Ne... diese Amis, das könnte hier nie passieren!” und vielleicht nehmen wir die Ereignisse im beschriebenen und realen “Dort” zum Anlass, dass das “hier” auch so bleibt. Wenn der Preis dafür ist, dass man mal wieder ein anderes Genre lesen muss, bezahle ich den traurig grummelnd. This is a public episode. If you would like to discuss this with o
Die Diskussion: Trevanian, Collins, Osman
2026/01/11
3 Werke, 3 Empfehlungen! Kann das neue Jahr besser beginnen? Wir lobpreisen diesmal “Shibumi” von Trevanian, “So ist das nie passiert” von Sarah Easter Collings und die 5. Folge des Thursday Murder Clubs: “The Impossible Fortune” von Richard Osman. Wegen eines technischen SNAFUs ist die Qualität leicht eingeschränkt, wir machen das beim nächsten mal wieder besser. Sorry! This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Richard Osman: The Impossible Fortune
2026/01/04
Liebe Leserinnen und Leser, kann unsere kleine Nischenradiosendung - die sich mit Produkten für einen doch größeren Markt, nämlich den der Literatur beschäftigt - eine kleine edgy Show sein, wenn sie schamlos Bestseller anpreist? Kann sie, aber nicht heute. Denn wir kommen gleich zu Beginn zum Urteil eines Wohlfühlbuches: der 5. Band der Whodunit-Reihe des Thursday Murder Clubs, im Original “The Impossible Fortune” ist eine große Empfehlung, deren Bestsellertum nicht hoch genug gewürdigt werden kann, schafft es doch Tausendsassa und Autor Richard Osman, neben einer spannenden Whodunit Story komplexere Charaktere zu erschaffen, deren Wertesystem manchmal überraschend konträr zu den aktuellen gesellschaftlichen Annahmen existiert und auch noch die komplexen Fragen des menschlichen Lebens nicht nur zu stellen, sondern auch Antworten zu finden. So. Hier sollten alle erstmal das Buch lesen, denn nun gibt es auch Spoiler und besonders ein Krimi lebt davon, überraschend zu sein (wenn er denn gut genug ist, ohne allzu unglaubwürdig - sprich hanebüchen - zu sein). Also: Spoileralert! Los geht’s: The Impossible Fortune, im Deutschen irgendwie holprig “Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code”. Da wollen wir aber nicht meckern, denn die ersten 4 Titel der Reihe wurden geradezu mustergültig übersetzt: 1. The Thursday Murder Club - Der Donnerstagsmordclub2. The Man Who Died Twice - Der Mann, der zweimal starb3. The Bullet That Missed - Die Kugel, die daneben ging4. The Last Devil to Die - Der letzte Teufel stirbt Editorisch möchte ich aber kurz anmerken, dass ein Code nicht “unlösbar” ist. Vielleicht ist er nicht bekannt, d.h. es fehlen Informationen, aber unlösbar? Na ja. Besonders schön bei allen Serien* ist das Wiedertreffen bekannter Charaktere, die man sehr mag oder eben nicht, in allem lässt sich Genuss finden, aber das Gehirn giert nach Bekanntem, und so tauchen sie wieder auf: Die Protagonisten des Thursday Murder Clubs: Elisabeth Best, Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, die ehemalige Krankenschwester Joyce Meadowcroft, Ex-Gewerkschaftsführer Ron Ritchie und der Psychiater Dr. Ibrahim Arif. Diese leben in der gehobenen Seniorenresidenz in Coopers Chase in einem fiktionalen Dorf und lösen Mordfälle. Ursprünglich wollten sie alte, ungelöste, sogenannte Cold Cases aufklären, beschäftigen sich aber dann - einer Mischung aus Neugierde, Impertinenz und Lebenserfahrung geschuldet - mit aktuellen Morden. Wer bis hierhin gelesen hat, ohne “The Impossible Fortune” zu lesen, muss ab jetzt mit Spoilern leben. Also: Der Thursday Murder Club hatte bisher ein eher ruhiges Jahr. Das ist nicht besonders verwunderlich, denn Autor Richard Osman begann im letzten Jahr eine weitere Serie. Dazu kommt, dass im fiktiven Thursday Murder Club Imperium Elisabeth, als Ex-Spionin eine der Treiberinnen des Clubs, ihren geliebten Ehemann Stephen verlor (Altersdemenz) und tief in ihrer Trauer lebte. Die Bücher dieser Reihe werden immer aus 2 Perspektiven erzählt. Neben der des Autors und einer sich daraus ergebenden allwissenden Draufsicht lesen wir gelegentlich Tagebuchaufzeichnungen von Joyce. Diese sind besonders interessant, zeigen sie uns doch klarer, welche Informationen dem Quartett der Rentnerdetektive eventuell noch gar nicht vorliegen, schenken aber auch reizvolle Interpretationen von Joyce, die uns daran erinnern, dass jede*r die Welt mit anderen Augen sieht. Eine der wundervollsten Fähigkeiten von Richard Osman ist es, mit liebevollen Augen auf die von ihm geschaffenen Personen zu schauen. Dabei sind diese im ersten Moment oft kurz holzschnittartig und prototypisch, wozu sicher ihre meist kurzen Nachnamen beitragen (Best, Ritchie, Lloyd, Johnson, Townes), nach und nach werden weitere Facetten sichtbar. Beginn des Plots ist die von Joyce seit Jahrzehnten ersehnte Hochzeit ihrer nicht mehr ganz jungen Tochter Joanna, die den im vorliegenden Werk neu eingeführten Gatten Paul (Brett) ehelichen wird. Die (Selbst)beschreibung von Joyces Erwartungen und sich daraus ergebenden Konflikte auf dem Weg zur Trauung, die denen ihrer Tochter fasst komplett diametral gegenüberstehen, sind schreiend komisch, aber auch von viel Wärme und Liebe geprägt. Durch Paul und seinen Freundeskreis ergeben sich für den Thursday Murder Club neue Herausforderungen. Zunächst einmal müssen alle nach der Hochzeitsfeier mit den Nachwirkungen klarkommen. Das fällt einigen sehr leicht (auf Schnaps verzichtet, Aspirin vom Schlafengehen mit einem großen Glas Wasser), einigen schwerer und einige sterben fast. Die Seiten, auf denen Richard Osman den Ex-Gewerkschafter Ron auf seine körperlich harten Auseinandersetzungen mit der Polizei während der Zeit der großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien zurückblicken lässt und das dann im Vergleich zum aktuellen Kater als unverhältnismäßig leicht abtut, gehören ohne Zweifel zur Kategorie “große Literatur”. Außerdem geht es um Autobomben, Geldanlagen, Cold Storage und Bitcoin. Besonders die beiden letzteren Punkte nutzt Richard Osman zu demonstrieren, wie wenig Ahnung alle altersübergreifend eigentlich haben, welche Mittel und Tricks sie benutzen, ihre Nicht-Ahnung zu verschleiern, und welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn sie sich offenbaren und dadurch ganz neue Erkenntnisse gewinnen. The Impossible Fortune ist in einem schnellen Tempo geschrieben, dass immer wieder Pausen einlegt, wenn sich die Protagonisten untereinander treffen und miteinander sprechen. Dabei findet Richard Osman nahtlose Übergänge zu sehr lustigen Seitensträngen, wenn Connie Johnson, eine erfolgreiche Drogendealerin (die einst kurz im Knast saß, wohin sie der Thursday Murder Club gebracht hatte) als Mentorin tätig wird, weil ihr Ibrahim dies empfohlen hatte und es damit endet, dass sie einer sehr jungen Frau bei ihrem ersten großen Raubüberfall hilft. Überhaupt mischen sich bei Richard Osman “respektable” und kriminelle Lebensweisen wohltuend ohne Bewertungen, denn von irgendwas muss man ja leben. Ohne kriminelles Leben keine Gesellschaft und schon gar kein Thursday Murder Club. Dabei sind die Kriminellen unter den (ehemals) Reichen, unter den Gelegenheits- und unter den Berufskriminellen zu finden, die z.B. die Nachfrage nach Drogen bedienen. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es automatisch schlecht oder gut ist und schon gar nicht, dass es keinen Markt dafür gibt. Das nimmt dann teils sehr komische Züge an, bis die Erkenntnis (bei den Leserinnen und den Handelnden im Buch) einsetzt, dass die zugrundeliegenden Werte nicht vergessen werden können, wenn das Leben ein gelungenes sein soll. Diese Erkenntnis gelingt dann den Protagonistinnen selbst, dabei stoßen sie immer wieder an Grenzen, zerstören diese aber auch. Manchmal wird es auch sehr traurig, wenn es um die Einsamkeit geht - teils aus falschen Lebensentscheidungen, teils aus Altersgründen, wenn enge Geliebte und Freunde sterben. Das zeigt aber auch, wie wichtig die selbstgewählten Bande sind, die Freunde, mit denen man sich austauscht, mit denen man sein Leben lebt. Die Sichtbarkeit der Älteren und Alten, denen oft mit Unverschämtheit, Arroganz und selbstgefälligen Annahmen begegnet wird, spielt nie eine offensichtliche Rolle, überrascht aber immer wieder. Jede*r blamiert sich und macht sich zur Feile, das können alle, auch die Jungen, und nicht zu knapp. Bis auf wenige Ausnahmen (den richtigen Arschlöchern) gesteht Richard Osman seinen Figuren aber Würde zu, die auch durch gelegentlichen Slapstick nicht erschüttert werden kann. Da werden vegane Kaffees besucht, Krafttraining gemacht und zur Playlist “Sounds of the Rainforest” meditiert. Daneben schreckt Richard Osman nicht vor harten Themen zurück, diesmal ist ein wichtiger Nebenstrang des Whodunit die eheliche Gewalt. Suzie, die Tochter von Ron, setzt sich mit Waffengewalt gegen ihren Ehemann zur Wehr und bittet zunächst nur ihren Bruder, nicht aber ihren Vater um Hilfe. Der hat währenddessen mit enttäuschenden Erkenntnissen über sein Leben zu tun und wird am Ende einige seiner wichtigsten Lebensglaubenssätze über Bord werfen, um seiner Tochter und bei der Lösung des Falls zu helfen. Denn das kann man auch gut ohne Spoiler verraten: Der Thursday Murder Club wird seinen Fall lösen und nebenbei seine (und damit unsere) Welt besser machen. Die Schlüssel zur Lösung und zum Leben sind Liebe, Freundschaft und Solidarität. Und weil es Richard Osman erschaffen hat, passiert das Ganze in schöner Sprache, mit intelligenten Spannungs- und Handlungsbögen, überraschenden Wendungen und einem liebevollen Blick auf die Menschen. Viel Spaß beim Lesen! This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Sarah Easter Collins - So ist das nie passiert
2025/12/29
„Ich grüble über all die kleinen Dinge nach, die uns aufbauen und zerstören, all die Kleinigkeiten, die wir verbergen und enthüllen, vergessen und vergeben möchten. Dass wir alle verborgene Geschichten mit uns herumtragen, zu denen wir ständig zurückkehren, Dinge, die uns hochfliegen oder langsam herunterkommen lassen. Ich denke über das Leben nach, das ich gelebt habe, und über all die Dinge, die ich weiß.[...]“ (S. 382) So lässt Sarah Easter Collins ihre Protagonistin Robyn in ihrem Roman So ist das nie passiert ihre Gedanken formulieren und es ist gleichzeitig ein Rückblick auf ihr Leben, der ebenso die Frage aufwirft, was wir wirklich wissen und wie fehlerhaft Erinnerungen sein können; ein Thema welches sich durch den gesamten Roman zieht und tragend für den Verlauf der Handlung sein wird. Ausgangspunkt des Romans, der 2024 im Heyne Verlag erschien und im Original den Titel Things don`t break on their own trägt, ist ein Abendessen. Zugegen sind die Protagonistin Robyn und deren Frau Cat, die auch gleichzeitig die Gastgeberinnen sind. Außerdem Robyns Bruder Michael und dessen Freundin Liv, Robyns gute Freundin Willa und deren Freund Jamie sowie Cats Bruder Nate und dessen Freundin Claudette. Dabei spielen vor allem Robyn und Willa eine zentrale Rolle und aus ihren Blickwinkeln wird auch der Roman kapitelweise erzählt. Besonders dramatisch ist dabei vor allem Willas Geschichte, denn ihre Schwester Laika verschwand, als sie noch ein Teenager war und wird zum Zeitpunkt des Dinners, an dem die Geschichte einsetzt, bereits seit über 20 Jahren vermisst. Neben der Tatsache, dass Willa die Hoffnung, ihre Schwester zu finden, nie aufgegeben hat, was ihr Leben in erheblichem Maß bestimmt hat, kommt an diesem Abend noch hinzu, dass sie in Claudette, der Freundin von Cats Bruder, plötzlich ihre lange verschollene Schwester zu erkennen glaubt. An diesem Punkt setzen die Erinnerungen und Rückblicke auf die Geschehnisse, die bis zu diesem Punkt reichen bzw. geführt haben ein und werden kapitelweise abwechselnd von den Protagonistinnen erinnert, wodurch sich für die Leserin nach und nach ein sehr differenziertes und unerwartetes Bild ergibt. Robyns und Willas gemeinsame Geschichte beginnt im Internat, auf welches Willa kurz nach dem Verschwinden ihrer Schwester von den Eltern geschickt wird. Die Elternhäuser der beiden Mädchen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Robyn in einem liebevollen Haushalt aufwächst, in dem viel miteinander gesprochen, agiert und diskutiert wird, in dem es gegenseitige Wertschätzung und Respekt gibt und den man landläufig wohl als liebevoll bezeichnen würde, erfährt Willa in ihrem zu Hause vor allem Unterdrückung, Aggressionen und Gewalt durch den Vater, wobei sich dessen physische Gewalt nicht an Willa selbst, sondern deren Mutter und Schwester entlädt. Es ist ein zu Hause der Abhängigkeiten und des Machtmissbrauchs, in der die Mutter Bianka, versucht ihre Töchter zu schützen und in dem der Verlust der Tochter und Schwester kaum zu verarbeiten ist. Das unterschiedliche Aufwachsen der Mädchen ist auch ein wichtiger Grund, warum sie letztlich zueinander finden und nicht nur eine tiefe Zuneigung und Freundschaft, sondern auch Liebe füreinander empfinden, denn die ausgeglichene Robyn kann Willa die Geborgenheit und Ruhe schenken, die sie in ihrem eigenen zu Hause kaum erhält und findet gleichfalls in Robyns Familie eine Art Ersatzfamilie, die sie liebevoll aufnimmt. Umso tragischer ist es, dass es zwischen Willa und Robyn kurz vor Ende ihres Abschlusses am Internat zu einem Bruch kommt, der vor allem Willas Verhalten zuzuschreiben ist und zwar später wieder aufgelöst werden kann, anhand dessen Sarah Easter Collins aber ebenfalls aufzeigt, wie sehr ihr Handeln von ihrem großen Verlust beeinträchtigt wird. Ein weiteres Beispiel für die zentralen Dynamiken inklusive Machtverhältnisse und Beziehungen im Roman beschreibt Collins anhand der Partnerschaft, die Willa mit ihrem Freund Nate führt. Zunächst liebevoll und zugewandt, wandelt sich dies unter dem Einfluss von Willas Vater, der Nate regelrecht für sich beansprucht, ins komplette Gegenteil, wobei es Willa lange Zeit nicht gelingt, angemessen auf dieses Verhalten zu reagieren bzw. sich daraus zu lösen. Zentrales Motiv des Romans ist, neben dem traumatischen Verlust und den Auswirkungen innerhalb der Familie, aber auch die Frage danach, wie wir Dinge erinnern und wie trügerisch Erinnerungen sein können. Es ist bekannt, dass Erinnerungen vom Gehirn jedes Mal neu rekonstruiert werden und nicht wie eine Art Video ablaufen, dabei werden aber auch Lücken einfach mit Informationen aufgefüllt, die plausibel erscheinen und nicht real sind bzw. erlebt worden sein müssen. Vor allem starke Emotionen können dazu führen, dass Erinnerungslücken falsch aufgefüllt werden und sich durch häufiges Erzählen verfestigen. Die eingangs erwähnte Dinnerparty zu welcher sich Freunde und Familie treffen und bei der Willa glaubt, ihre verschollene Schwester wiederentdeckt zu haben, stellt im Roman den Ausgangspunkt dafür dar, dass vor allem Willa beginnt sich, beginnend bei ihrer Kindheit, zu erinnern. Durch die Perspektiven anderer Protagonistinnen wird dann allmählich deutlich, dass Dinge teilweise falsch erinnert wurden bzw., und ich denke, so ist es häufig der Fall, einfach Teil ihrer Wahrheit und ihres Erlebens sind, die auch darauf beruhen, dass ihr Informationen schlichtweg fehlen. Wodurch sich für die Leserin – und auch die Akteurinnen – schließlich nach und nach aus einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild ergibt und damit generell aufzeigt wird, dass Wahrheit und Perspektiven miteinander verwoben sind. Dadurch gelingt Sarah Easter Collins mit So ist das nie passiert ein komplexer Roman, der thematisch sehr breit aufgestellt ist, trotz der Schwere der Themen einfach und flüssig zu lesen ist und dessen Verlauf man einfach immer weiter folgen möchte, um zu sehen, welches Bild die einzelnen Teile ergeben. Er hat mich aber auch einmal mehr dankbar und demütig gegenüber meiner eigenen Familie und Freunde zurückgelassen und ist, nun wenig überraschend, eine klare Empfehlung von mir. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Trevanian: Shibumi
2025/12/21
Buchempfehlungen sind eine Unmöglichkeit und zu unterlassen! Es gibt 170 Millionen Buchtitel, aktuell, und jedes Jahr kommen 2,2 Millionen hinzu. Es gibt 8,3 Milliarden Menschen auf der Welt und jeder ist dem anderen fremd. Wie kann man da auf die Idee kommen, jemand könne jemandem anderen halbwegs kompetent sagen, was er als nächstes lesen solle? Jeder weiß das und alle ignorieren es. Spätkapitalistischen Wirtschaftsunternehmen verzeiht man das Generve noch, ihr einziger Existenzgrund ist, Dir S**t zu verkaufen. Literaturnewsletter und -podcasts sind da schon grenzwertiger, wie viel Sendungsbewusstsein ist zu viel Sendungsbewusstsein? Jedes. Immerhin ist das Abonnement freiwillig. Aber Freunde sollten es besser wissen. Und dennoch empfiehlt unser ehemaliger Rezensent für das Studio B, Heiko Schramm, mir unerschrocken immer wieder Bücher, die sicher hervorragend, nützlich und vergnüglich sind, wenn man, sagen wir, vorhat, einen mittelgroßen Karibikstaat geheimdienstlich zu unterwandern oder, sicher auch nützlich zu wissen, als Außenminister der Vereinigten Staaten 3-Letter-Word-Agencies gegeneinander ausspielen möchte. Kurz, ich bin begeistert, es wärmt mir das Herz, dass mir zugetraut wird, den Nahostfriedensprozess entscheidend voranzubringen, aber mir fehlt einfach die Zeit, mich in die oft kiloschweren Werke einzuarbeiten; der Mord an JFK bleibt vorerst ungeklärt. Entsprechend erfreut und reserviert war ich, als Mr. Schramm mir vor meiner Exkursion nach Japan zwei Bücher auf die Leseliste setzte, die ich bitte in Asien beginnen möge. Kein “vielleicht”, kein “wenn es passt”, es war eine Anweisung, der ich besser Folge leiste. Immerhin waren die Titel japanisch, die Autoren bekannt: “Shibumi” von Trevanian (Das Pseudonym von Rodney William Whitaker, einem Mid-Century Bestsellerautor) und “Satori” von Don Winslow, genau dem, der Untertitel lautet “A Novel based on Trevanian’s Shibumi” - interessant. “Shibumi” fängt spektakulär an. Heftig überzeichnetes CIA-Personal - der Veteran, Zigarre im Mundwinkel; der intrigierende Chef mit seinem an seinen Rockzipfeln hängenden Assistent, jedes Wort mitschreibend - werten eine “Aktion” aus. Auf einem Flughafen in Rom gab es eine Schießerei und wir verstehen die Worte, aber nicht wirklich den Zusammenhang - Geheimdienste halt. Zunächst werden zwei Israelis erschossen, dann die Schützen, die Japaner sind (?) aber irgendwie für die PLO arbeiten und dann doch für die CIA und wiederum von derselben erledigt werden, inklusive zwei, drei italienischen Kindern und Opas. Krass. Was geht ab?! Unklar. Was nicht an der Beschreibung liegt. Die ist brillant, vorstellbar, actionorientiert und trotz des vielen Blutes irgendwie fast “leicht”. Wir sehen das ganze aus den Augen der beteiligten Agenten, die das wiederum auf einem richtigen Zelluloidfilm sehen, aufgenommen von CIA-Agenten speziell für das Debriefing. Das gibt uns einen ersten Hinweis auf die Ära, in der wir uns befinden. Da ich wie immer komplett ahnungslos ins Buch gegangen bin, ist für mich noch unklar, wann es geschrieben wurde. Der erste Hinweis sind die sehr “Achtziger”-Meinungen des Veteranen-Agenten hinsichtlich des ihm zugeteilten Wingman. Dieser ist der Sohn eines Palästinenserführers, er wird im gesamten Buch als “Ziegenhüter” beschrieben werden. Das geht heute natürlich nicht mehr. Nicht weil heutzutage Rassismus gecancelt ist, sondern weil ein solch offensichtlicher Sarkasmus heute nicht mehr funktioniert. Entgegen der allgemeinen Annahme ist die Ursache aber nicht, dass wir jetzt alle supersensibel sind oder gar woke, sondern weil spätestens seit 9/11 antimuslimischer Rassismus hoffähig geworden ist und als Reaktion darauf ein solcher Sarkasmus gekennzeichnet werden muss, in rot, plus Warnung auf dem Cover und Herausgabe des Buches an Deutsche Linke nur gegen Ausweis. Trevanian, als Meister der Ironie, ist dankbarerweise in 2005 gestorben und musste den ganzen Quatsch nicht mehr miterleben, wir, als Leserinnen eines Buches aus 1981, müssen uns erst wieder einarbeiten. Die Ironie ist nicht nur an der offensichtlich übertriebenen Wortwahl zu erkennen, Trevanian legt seinem weltgewandten und weit rumgekommenen Haupthelden starke Thesen zu allen möglichen internationalen Akteuren in den Mund, jeder bekommt sein Fett weg. Bis der Japanschwerpunkt, wegen dessem mir das Buch ins Handgepäck beordert wurde, ins Spiel kommt, vergehen ein paar Seiten und zwar bis unser Protagonist, Mr. Hel (ein L) eingeführt wird. Das traf sich, kam doch auch ich erst recht spät in Japan zum Lesen und so koinzidierte die Jugend von Mr. Hel, als Sohn einer Russin und eines Deutschen, aufwachsend im Japan der späten 2. Weltkriegsjahre (mit den bekannten verheerenden Auswirkungen) mit meiner Reise durch die Stätten ebendieser Geschichte, kulminierend mit einem Besuch des Friedensmuseums in Hiroshima just zu dem Zeitpunkt, als im Buch die erste Liebe von Mr. Hel dahin zu ihren Eltern zurückkehrt, Anfang August 1945. Das wirkt. Beschrieben wird im Roman, seltsam schwebend zwischen Action und Betrachtung, die Suche eines weißen, kulturellen Japaners nach Shibumi. Shibumi ist eines dieser klassischen unübersetzbaren japanischen Worte, die darauf hinauslaufen, dass Du am Ende vor deinem Steingarten im Regen sitzt und meditierst. Bis er diesen Zustand findet, muss Nicolai Hel irgendwie Geld verdienen und, ausgebildet in exotischen Kampfkünsten, dem Brettspiel Go und gesegnet mit einer (minderen) Superpower, beschließt er, Terroristen zu jagen. Das macht er gegen Geld, aber, wenn es ihm in die Moral passt, auch Pro Bono. Dass er dabei einer erklecklichen Zahl von Akteuren auf die Füße tritt, kommt mit dem Terrain und, wie er selbst bemerkt, hat er eine Menge negatives Karma angehäuft. Zum Killen braucht es neben Geschick auch Glück und das hält nicht ewig, weshalb Nico mit fünfzig im Ruhestand ist und ein altes Schloss im Baskenland renovierend um einen japanischen Garten erweitert, was man so macht, als Auftragsmörder a.D. Aber natürlich ist das nicht das Ende des Romans, womit die Spoiler enden. Das alles ist genauso leicht geschrieben wie hier rezensiert, hier wird nicht viel ernst genommen und die Story eher zum Anlass, das ganze Geheimdienstgewerbe samt ihrer staatlichen Auftraggeber zu kommentieren, auszulachen, zu kritisieren und dass da niemand lebend rauskommt, dafür ist Rodney William Whitaker aka Trevanian bekannt. Man amüsiert sich köstlich, es erinnert, nicht nur wegen der epikuräischen Einschübe, an Simmels “Es muss nicht immer Kaviar sein” und im Stil ein bisschen an die “Neal Carey”-Serie von Don Winslow, die, na was für ein Zufall, zur selben Zeit rauskam. Deren Markenzeichen waren eingeschobene dutzendseitenlange Essays zu eher obskuren Themen (Chinesische Geschichte, Punks in London). Das macht Trevanian auch gern, hier in “Shibumi” ist es das Höhlenklettern, im Englischen so schön “Spelunking” genannt, dass bis zum letzten Seilknoten beschrieben wird. Trevanian schafft es dann gerade noch, den Essay zum Thema mit einem späten Plotpoint sinnvoll zu machen, aber selbst ohne dieses Kunststück ist dieser Stil ein sehr angenehmer Throwback in eine Zeit vor den formalistischen Serientrillern des industriellen Whodunnitzeitalters: alle Bücher 360 Seiten lang und genau bei 180 Seiten muss der Midpoint, die entscheidende Wendung, passiert sein. In “Shibumi” philosophiert der Autor zu dem Zeitpunkt noch gelassen über die Herkunft der Baskischen Sprache und wir freuen uns über die Unberechenbarkeit der Be- und Entschleunigung. Es ist alles ein bisschen japanisch. Ach né. Gleichzeitig ist es ein interessanter Blick in das Mindset der Achtzigerjahre und abgesehen von der nicht vorhandenen Scheu, Araber, Briten, Amis und alle anderen Drumrum ein bisschen aufs Klischéeis zu führen, ist es durchaus frappierend, wie viele der Aussagen zum Zustand der Politik hellseherisch wirken, bis man merkt, dass man das verkehrtherum sieht - ja, die Politik war schon immer korrupt, lange bevor Techbros dem Präsidenten einen Goldenen Ballsaal bauten, weil der so gut nach ihrer Pfeife tanzen kann. Ich sag: “Danke, Heiko, Top Treffer, Spitzenbuch!” und somit auch Nichtjapanreisenden empfohlen. Das sah um 2011 herum auch der große Don Winslow so. Irgendwann zwischen den brillanten beiden “Savages” Büchern (damals besprochen von Irmgard Lumpini) meinte old Don noch ein Buch einschieben zu müssen, das man heute gemeinhin als Fanfic definiert. Er schreibt in “Satori” die Geschichte von Nicholai Hel weiter, oder genauer, er füllt die Lücken in der Biografie, wie wir sie in “Shibumi” lasen. Und das macht zunächst durchaus Sinn, der Autor des Originals ist lange tot und die erfundene Figur damit verdammt zu einem einzigen Auftritt, was liegt näher als ihm einen weiteren zu geben, und warum nicht von Don Winslow, der, siehe oben, seine schriftstellerische Karriere in ähnlichem Stil begann. Leider/zum Glück, je nach Perspektive, hat sich Don Winslow stilistisch weiterentwickelt. Dramaturgisch sind seine Romane deutlich komplexer aber auch zielstrebiger geworden - etwas, was man von “Shibumi” nicht wirklich behaupten kann. Entsprechend groß ist der Bruch, wenn man “Satori” direkt im Anschluss liest. Wo Trevanian sich Zeit nimmt für einen Ausflug in Kommentare zur Weltpolitik oder die gefährliche Welt des Spelunking, füllt Don Winslow die Lücken im Lebenslauf des Nicolai Hel auf und es ist, sorry, “Malen nach Zahlen”. Wo Trevanian uns in Hel’s Lebensgeschichte mit albernem Nonsens unterhält, zum Beispiel der Story, wie Hel zum “Lover der Stufe IV” wurde, inklusive der Beschreibung, was Stufe I bis III sind und wie man diese Skills als Waffe einsetzen kann - und ich muss nicht erklären, dass das alles lustiger Blödsinn ist - langweilt uns Don Winslow mit einer peinlichen Sexszene, die
Die Weihnachtssendung 2025
2025/12/14
Wie jedes Weihnachten geben wir Buchempfehlungen für den Gabentisch, meist Bücher, die es nicht bis zur Rezension geschafft haben, aber dennoch absolut empfehlenswert sind. Hier die Liste zum Bestellklicken: Irmagrd Lumpini * Wildhonig - Jody Picault und Jennifer Finney Boylan * Lady in The Lake/Wenn niemand nach dir sucht - Laura Lippman * The City We Became/Die Wächterinnen von New York - N. K. Jemisin * Der Stich der Biene/The Bee Sting - Paul Murray Herr Falschgold * Murder on the Marlow Belle/Mrs Potts’ Mordclub - Robert Thorogood * Roter Mars: Die Mars-Trilogie - Kim Stanley Robinson (1993) * Shadow Ticket/Schattennummer - Thomas Pynchon Anne Findeisen * In ihrem Haus - Yael van der Wouden * Wild wuchern - Katharina Köller * No Hard Feelings - Genevieve Novak This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Rita Bullwinkel: Headshot: A Novel
2025/11/09
Liebe Leserinnen und Leser, das Jahresende naht und alles drängt sich auf ein paar enge Wochen. Zeit also für eine Wiederholung, aber hier sind gleich 2 ganz großartige Bücher, deren wiederholte Erwähnung erst eingestellt werden kann, wenn ihr beide gelesen habt. Es wird dufte, versprochen! ______________ Manche Kreise sind groß und schließen sich nach 15 Jahren, wenn auch auf einer höheren Ebene (denn wir wollen nicht denken, dass es mit uns bergab geht, sondern dass wir gelebt und gelernt haben und besser sind): damals stellte ich bei Studio B eine wunderbare Sammlung von großartigen Reportagen von A.J. Liebling über das Boxen vor, die zwischen 1951 und 1955 entstanden und damals im renommierten New Yorker erschienen, bevor sie 2009 im Berenberg Verlag als Sammlung “Die artige Kunst” ins Deutsche übertragen wurden. Sommerzeit ist Lesezeit, da sind hier gleich mal 2 Empfehlungen, von ganzem Herzen, ohne jede Einschränkung, auch wenn das Sujet den Leserinnen und Lesern bis heute vielleicht nicht das Interessanteste oder Wichtigste schien. Ernsthaft. Während A. J. Liebling Boxkämpfe sah, während sie geschahen und das Fernsehen für den Niedergang dieser neben dem Ringen ältesten Form des Zweikampfes verantwortlich machte, schreibt Rita Bullwinkel in ihrer Debütnovelle “Headshot” - im Deutschen “Schlaglicht” - auf schmalen 250 Seiten über ein fiktives Sportereignis, das im Amateurboxen der Frauen angesiedelt ist. Gekämpft wird im “Daughters of America Cup”, in dem Amateurboxerinnen bis 18 Jahre antreten dürfen, Handlungsort ist Bob’s Boxing Palace in Reno, Nevada. “Headshot” behandelt die im “Töchter Amerikas Cup” ab dem Viertelfinale ausgetragenen Kämpfe. Viertelfinale bedeutet (wir kennen die Zählweise aus anderen Sportarten), dass noch 8 Sportlerinnen im Rennen um die Trophäe sind, und jeweils die Siegerin der Partie gegen eine andere Siegerin gelost wird. Die Kämpfe bilden die Gliederung für das Buch, die jeweils mit den Namen der angetretenen Kontrahentinnen betitelt sind. Am ersten Tag finden die Viertelfinale statt, es folgen 2 Kapitel, die mit “Nacht” und “Tiefe Nacht” überschrieben sind, bevor am nächsten Tag die beiden Halbfinalkämpfe und das Finale ausgetragen werden. Was die Autorin hier in schlichter Prosa zusammenfügt, ist großartig: sie zeigt - und die Auflistung bedeutet keine Wertung - die Körperlichkeit des Boxens und was es für die jungen Boxerinnen bedeutet; warum sie Boxen; wodurch ihre Wahl für diesen Kampfsport bestimmt wurde; wofür sie boxen. Rita Bullwinkel zeigt die wenig glamourösen Umstände des Turniers im Nirgendwo, dessen Ort gewählt wurde, weil er angeblich “in der Mitte des Landes” läge. Dem Ort - Bob’s Boxing Palace - wohnt eine tiefe Traurigkeit inne, und “Headshot” zeigt, dass das Amateurboxen für Frauen keine Sportart ist, die in reichen Familien eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung für junge weibliche Teenager ist. Neben den detaillierten Beschreibungen der Kämpfe finden sich Rückblicke, aber auch Sprünge in die Zukunft. Wir erfahren viel über die Umstände der Protagonistinnen, die sich teilweise vorher kennen, teilweise nicht. Wir lesen, wie ihre Geschichten individuell sind, wie ihre Familien unterschiedliche Haltungen zum Boxen einnehmen, und die einzelnen Teenager unterstützen oder eben auch nicht. Was das Boxen für die Einzelne bedeutet, ist dabei teilweise allgemeingültig: es gibt den jungen Teenagern eine Kontrolle über ihren Körper, teilweise aber eben auch sehr individuell, wenn Eine die Familientradition fortführen muss oder eine andere über ein ertrunkenes Kind sinniert, dass unter ihrer Aufsicht im örtlichen Schwimmbad ertrunken ist. Dabei entfaltet “Headshot” von Anfang an eine Faszination, die auch durch Rita Bullwinkels Witze, seien sie inhaltlicher oder sprachlicher Natur bestimmt wird. Was die Heldinnen von Headshot, Andi Taylor, Artemis Victor, Kate Heffer, Rachel Doricko, Iggy Lang, Izzy Lang, Rose Mueller und Tania Maw erkämpfen, sind nicht nur Sieg oder Niederlage, sondern ihr Platz in der Gesellschaft, der - durch die Rück- und Ausblicke gezeigt - weit über den jeweiligen Boxkampf hinausgeht. Was “Headshot” überhaupt nicht verhandelt, ist, ob es überhaupt ok ist, dass junge Frauen boxen. Warum auch. “Headshot” von Rita Bullwinkel wurde für den Booker Prize 2024 nominiert, dies nur als Information für diejenigen, die ihre Lektüre durch so etwas beeinflussen lassen (was ich nicht verurteilen würde, irgendwie muss man ja auswählen), aber wenn ihr euch durch die Rezensionen bei Studio B beeinflussen lasst: Lest dieses Buch! This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Studio B Klassiker: Lautréamont: Die Gesänge des Maldoror
2025/11/02
Leider findet sich nicht immer die Zeit, um eine neue Rezension zu schreiben und die Hörerinnen mit neuem Input zu erfreuen. Das liegt zum einen daran, dass es manchmal einfach nicht zum straffen Zeitplan passt und zum anderen, dass gelegentlich auch einfach die Lektüre fehlt, die mich so mitreißt, dass ich unbedingt etwas darüber schreiben will. Passend zum grauen Wetter habe ich daher heute einen alte, bereits vor neun Jahren und ebenfalls im November von mir veröffentlichte Rezension ausgesucht, die es lohnt, noch einmal erneut Beachtung zu finden. Bereits im Jahr 1869 schrieb der gerade einmal 23 jährige Franzose Isidor Lucien Ducasse, besser bekannt unter dem Pseudonym Lautréamont, sein Werk „Die Gesänge des Maldoror“, welches 1963 in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erschien. Dieses, sein einziges vollendetes Werk, gilt als Klassiker der Schwarzen Romantik und übte gleichfalls großen Einfluss auf die Surrealisten aus. Der Protagonist Maldoror besingt in sechs Gesängen sowohl seine eigene als auch die Grausamkeit der Menschen, ebenso wie seine Verachtung für den Schöpfer. Meine Rezension möchte ich mit folgendem Zitat beginnen: „Es liegt die Welt in Scherben,Einst liebten wir sie sehrNun hat für uns das Sterben,Nicht viele Schrecken mehr.“ (1944) Diese erste Strophe aus Hermann Hesses Gedicht „Leb’ wohl, Frau Welt“, welches 1944 und damit circa 75 Jahre nach Lautréamonts Werk erschien, deutet eine Thematik an, die die Dichter und Philosophen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg beschäftigte und beschäftigt und die auch in unserem Alltag fest verankert ist. Die Medien berichten unablässig über die Gräueltaten der menschlichen Rasse, sei es im kleinen oder großen Stil. Wir sind jedoch nur begrenzt in der Lage, all diese Informationen zu verarbeiten und halten uns bewusst vor der Auseinandersetzung zurück, solange es uns selbst nicht betrifft und vielleicht auch, um darüber nicht völlig zu verzweifeln. Anders löst der Protagonist Maldoror dieses Thema für sich. Er, dessen Name so viel wie„Sonne des Bösen“ (Aurore du Mal), oder auch „Vergolder des Bösen“ bedeutet, zelebriert die Abscheulichkeiten und besingt die Bösartigkeiten der Bestie Mensch, nicht ohne dabei auch den Schöpfer ins Gericht zu nehmen, der diese Kreatur erschaffen hat. Maldoror sucht einerseits die Einsamkeit, indem er sich in Höhlen und anderen entlegenen Plätzen aufhält, andererseits braucht er die Gegenwart der Menschen, um seinen abartigen Neigungen zu frönen und den Menschen größt mögliches Leid in Form von beispielsweise Misshandlungen, Vergewaltigungen und Kindsmord zuzufügen. Maldoror sieht das Leben nicht als Geschenk an, sondern als fremdbestimmte Entscheidung, an der er keinen Anteil hat. Er wäre lieber „der Sohn der Haiin […] und des Tigers“ (S. 20) geworden, deren Grausamkeit bekannt ist und die die des Menschen trotzdem nicht im Ansatz übertrifft. Die gottgegebene Fähigkeit zu leiden, sieht er als verdienstreich und als Ideal an. Während des Lesens stellt sich die Frage, welches Geschöpf Maldoror selbst eigentlich ist. Zwar wird er im Klappentext des Buches als gefallener Engel, satanischer Verführer und als Verkörperung des absolut Bösen bezeichnet, doch beim genauen Lesen wird deutlich, dass der Satan nicht nur sein Rivale, sondern sogar sein Feind ist. (s. S. 137) Auch die aufkommende Vermutung, dass er ein Vampir sei, negiert er im Text selbst, mit der Begründung: „man hält mich zu Unrecht für einen Vampir, da man Tote so nennt, die dem Grabe entsteigen; ich aber bin ein Lebender“ (S. 198) Ich glaube vielmehr, dass Maldoror als Metapher für das Böse im Allgemeinen gedeutet werden kann. Nämlich für die über die Jahrhunderte und Epochen hinweg herrschenden Übel der Welt, die in immer anderen Gesichtern Unheil bringen. Und doch geht es Lautréamont mit seinem Roman nicht allein darum, das Schlechte der Menschen aufzuzeigen. Vielmehr verbirgt sich hinter seiner metaphernreichen Sprache, seinem Radikalismus, seiner Vulgarität und seinen Übertreibungen der Wille, beim Leser den Wunsch nach dem Guten im Menschen zu wecken. Auch sein Protagonist ist nicht das ausschließlich Böse, sondern besitzt Moral, wie sich meiner Meinung nach, an folgendem Zitat zeigt: „...aber vor allem kommt es darauf an, richtige Begriffe über die Grundlagen der Moral zu besitzen, solcherart, daß jeder von dem Prinzip durchdrungen sein muß, das befiehlt, den anderen so zu behandeln wie man vielleicht selber behandelt werden möchte.“ (S. 201/202) Die Ambivalenz Maldorors zeigt sich darin, dass er einerseits Freude daran hat, anderen beim Foltern zuzusehen, andererseits aber auch hilft und verachtend auf die Unvernunft und Rachsüchtigkeit der Menschen blickt, während die Tiere dem Menschen in dieser Hinsicht überlegen sind. Der Vergleich mit Tieren, der Wunsch des Protagonisten, selbst ein Tier zu sein, sowie Tiere als Metapher sind ein von Lautréamont häufig genutztes Stilmittel. Den Schöpfer bezeichnet er als hochmütig und als Voyeur, der sich nachts die Träume der Schlafenden ansieht. „Die Gesänge des Maldoror“ sind keinesfalls einfach zu lesen, schon aufgrund einer Sprache, die wir heute so nicht mehr verwenden. Wenn der Zugang dazu einmal geglückt ist und man sich sozusagen ‘eingelesen’ hat, ergeben sich weitere Schwierigkeiten. Zum einen die mitunter sehr langen und verschachtelten Sätze, zum anderen die Vermischung von Realität, Traum, Metapher und auch Halluzinatorischen. Oft ist nicht ganz klar bzw. eindeutig mit wem oder wovon Maldoror gerade spricht. Hinzu kommen die Brutalität, Grausamkeit und der Sadismus, mit denen Maldoror agiert und die Lautréamont bewusst einsetzt, um zu schockieren, aber vor allem um zu läutern. Nicht ohne Grund hatte er daher Schwierigkeiten, sein Buch verlegen zu lassen. Und doch schafft es Lautréamont, dass der Leser nicht nur Abneigung gegen Maldoror empfindet, sondern sich auch in ihn und seine zutiefst menschlichen Fragen hinein fühlen kann, wie beispielsweise folgende: „Oft habe ich mich gefragt, was leichter zu ergründen sei: die Tiefe des Ozeans oder die Tiefe des menschlichen Herzens!“ (S.24/25) Diese Frage mag zunächst etwas pathetisch klingen, doch der Ozean ist ein wichtiges Motiv im Roman. Denn der Ozean ist majestätisch und birgt eine enorme Tier- und Pflanzenwelt und neben diesen bekannten Dingen auch viele Geheimnisse und unerforschte Stellen. Maldoror geht sogar soweit, ihn, also den Ozean, den ‘großen Junggesellen’ zu nennen, was in diesem Fall eine Bezeichnung für Gott ist und deutlich macht, welchen Stellenwert der Ozean für Maldoror einnimmt. Sein innehalten und seine Gedanken über den Ozean, zählen für mich zu den schönsten Stellen im gesamten Buch, da sie nicht nur Bilder und Assoziationen in mir hervorrufen, sondern auch sehr treffend formuliert sind, weshalb ich an dieser Stelle gern noch einmal zitieren möchte: „Alter Ozean, du bist das Symbol der Identität: immer dir selber gleich. Im Grunde deines Wesens änderst du dich nicht, und wenn deine Wogen irgendwo in Aufruhr sind, dann sind sie in einer anderen, ferneren Gegend in vollendeter Ruhe. Du gleichst nicht dem Menschen, der auf der Straße stehenbleibt, um zwei Bulldoggen zuzusehen, die sich an der Gurgel packen, der aber auch nicht stehenbleibt, wenn man einen Menschen zu Grabe trägt, der heute morgen zugänglich ist und heute abend schlechter Laune; der heute lacht und morgen weint. Ich grüße dich, alter Ozean!“ (S. 23) „Die Gesänge des Maldoror“ sind keine einfache Lektüre, nichts das man eben mal so nebenbei liest und doch sehr lesenswert, da sie im Laufe der Zeit nicht an Aktualität verloren haben. Daher möchte ich Lautréamonts einziges, vollendetes Werk unbedingt weiter empfehlen, auch wenn das einmalige Lesen sicher nicht genügt, um es in Gänze zu durchdringen, so doch um zunächst einen Eindruck dessen zu gewinnen, worum es dem Autor ging, nämlich: „um den Leser zu bedrücken und in ihm den Wunsch nach dem Guten als Heilmittel zu wecken.“ This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Dan Brown - The Secret of Secrets
2025/10/26
Die Nostalgie ist ein Laster, welchem man sich versagen sollte. Denn für jedes Vergnügen, was uns im “Damals!!” genommen wurde, sagen wir: Rauchen in Flugzeugen, gibt es im Heute Ersatz. Hier: Internet in Flugzeugen! Ja, vorbei sind die Zeiten, in denen man sich in der Flughafenbuchhandlung eine Packung steuerfreie Lucky Strikes und einen dicken Dan Brown holte, um den Transatlantik-Flug zu überstehen. Heute kauft man sich für das gleiche Geld einen Internetpass und kocht sich über den Wolken das Hirn weich mit acht Stunden TikTok-Videos-Swipen. Das ist, zugegeben, deutlich gesundheitsschädigender als eine Schachtel Luckies (für alle Beteiligten), aber irgendwas ist ja immer. Dennoch kann ich nicht umhin, einen Verlust wirklich zu betrauern: den Verlust eines intellektuellen Vergnügens, einer albernen Freiheit, eines ungefährlichen Spaßes. Nein, Axel, Polenböller ist falsch. Es geht um die gute alte Verschwörungstheorie. Noch in den 2000ern habe ich Nächte damit verbracht, mir auf YouTube wilde Vorträge zu 9/11 anzuschauen. Tagelang hatten alte weiße Männer in Hobbykellern CNN-Footage solange zusammengetoastet, bis die Videorealität mit ihrem Weltbild in Kongruenz war und niemand hat sich einen Kopf gemacht, ob man beim Abrufen der Kunstwerke von Youtube getrackt wurde, denn, selbst wenn: Ja, Herr Falschgold kuckt alberne Amateurvideos, big deal. Aber es war auch eine den Kopf erwärmende Übung, sich in die zwei, drei Prozent der Leute reinzuversetzen, die die Filmchen kuckten und sich die Zeit nahmen, absatzweise Kommentare darunter zu schreiben. “Wieviel seines Hirns muss man ausschalten, bis 2+2 tatsächlich 5 ist?”, ist eine faszinierende Frage. Zwanzig Jahre später sind all diese Videos aus dem Normalo-Internet getilgt, zu groß ist der Hirnschwund in großen Teilen der Bevölkerung, sie könnte verunsichert werden, glaubt der Bürger doch heute wirklich jeden Scheiß und außerdem muss Platz gemacht werden im Internet für die wirklich manipulativen Kaliber, damit irgendwann auch der letzte Widerständige fünf Lichter sieht, statt vier. Stimmen uns Connaisseure der Kunstart “Verschwörungstheorie” diese Um- und Zustände traurig, wütend oder, s.o., einfach nur nostalgisch, so kann das für die professionellen Createure ruinös werden. Brachte Dan Brown nach seinem ersten Professor-Langdon-Buch “Illuminati” im Jahr 2000 die Fortsetzungen noch alle drei bis fünf Jahre heraus, brauchte er glatte acht für dessen jüngste Geschichte. Sie heißt “The Secrets of Secrets” und ich habe den Roman tatsächlich gelesen. Wollen wir doch mal spekulieren: Man kann vermuten, dass Dan Brown 2017, nach Veröffentlichung von Teil Fünf der Serie (”Origin”), kurz das Bankkonto gecheckt hat und sich an Teil Sechs machte. Kurz vor Fertigstellung zwang ihn dann Corona ins Homeoffice, wie den Rest der Weltbevölkerung. Für einen Schriftsteller ist das kein Problem, aber seine Zielgruppe, die Transatlantikfliegenden, brach komplett weg. Bummer. Wie er sich nun überrascht und leicht gelangweilt durch Facebook klickerte, wird ihm aufgefallen sein, dass die Menge und Verbreitung seines Markenzeichens, seines f*****g Spezialgebietes, des Dinges, in dem doch er die Koryphäe ist: die gemeine Verschwörungstheorie nämlich, dass diese sich so explosionsartig vergrößerten, dass vielleicht, so spekulieren wir, jemand zufällig auf genau die spinnerte Idee gekommen war, die er gerade in Buchform den Millionen schenken wollte. S**t. Was tun? Wahrscheinlich (wie gesagt, wir spekulieren hier nur) hat er nochmal von vorn angefangen und eine Story ersonnen, die in eine Gedankenlandschaft passt, wie wir sie alle seit dem Jahr 2020 ertragen müssen, eine Landschaft, die man im allgemeinen mit “Es ist eh alles egal” beschreibt. Weiß ist schwarz, gut ist böse, und alles ist erlaubt. Und alles ist egal. Alles? Nun, nicht alles, dachte sich Dan Brown und man muss ihm zugestehen, der Gedanke ist clever: Egal ist, ob sich die Börse von der Wirtschaft abkoppelt und deshalb alle ärmer werden; egal ist, ob sich das Weltklima um 1,5 Grad erhöht, während die USA Windparks verbieten; egal ist, ob Kinder an Masern sterben, weil ein Mann mit Wurm im Kopf Gesundheitsminister der reichsten Nation der Welt ist. Was nicht egal ist, selbst all den Wahnsinnigen, die an den drei vorbenannten Egalismen schuld sind: Ob man den s**t selbst noch erlebt. Einfacher: was niemandem egal ist, ist, dass man früher oder später sterben wird. Und dort setzt Dan Brown an und das ist brillant. Das schöne für diese Rezension ist, dass das gerade kein wirklicher Spoiler war, haut uns der Autor das doch so ziemlich auf den ersten Seiten vor die Füße. Wir wissen nur noch nicht: Warum? „Das entwickelt sich!“, wie Manfred Krug sagte, damals, und zwar gewohnt rasant. Die Story ist, von ein paar Rückblenden unterbrochen, eine, die sich über gerade mal einen Tag und einen halben erstreckt. Sie liest sich, wie man das von moderner Pageturnerware gewohnt ist, wie das Drehbuch für den zu erwartenden Film, in dem der mittlerweile neunundsechzigjährige Tom Hanks als Prof. Langdon definitiv ein Bodydouble brauchen wird, denn nicht nur rennt der Hauptheld mal locker früh halb sieben über die Karlsbrücke, nein, er rennt auch wieder zurück. Kurz danach schwimmt er dann, leicht unfreiwillig, in der Moldau. Im Februar. Zudem hat er sich verliebt, und zwar in seine ehemalige Professorin, ¡Holla! Wir werden im Kino also extrem weichgezeichnete GILFs sehen, bis uns der fade to black erlöst. Das wird hart. Ein Markenzeichen der Serie ist, dass Dan Brown seinen Protagonisten jetsetten lässt, wie seine primäre Zielgruppe. Von Rom, Paris, Florenz geht es diesmal nach, geographisch bewanderte Leserinnen haben es längst punktgenau verortet, ins goldene Prag, in die Stadt der hundert Türme. Wie Beate Baum letztens die Dresdner Neustadt als hyperlokales Setting benutzte, um Morde in deren Künstlerinnenmilieu aufzuklären, präsentiert Dan Brown uns auf der ersten Seite des Buches eine Karte der Prager Innenstadt und gibt den Fremdenführer. Im Schatten von Vyšehrad, Prager Burg und Veitsdom passieren die üblichen internationalen Intrigen, muss der Professor sich nur mithilfe seines genialen, rätsellösenden Kopfes aus brenzlichen Situationen befreien; Schießereien, Morde, Verfolgungsjagden halten uns am Ball, all das geschrieben in den mittlerweile üblichen minusklen Kapiteln von ein paar hundert Worten, über 137 sind es am Ende, auf dass man sich zwischen diesen Lesesnacks den Gargrad des Kopfinhalts mit zwei, drei Instareels auf “sehr soft” stellen kann. So soll das sein in einem Pageturner, so verlangt es der Lektor. Dan Browns real existierender bekommt übrigens in der Prof. Langdon Serie nicht zum ersten mal eine prominente Nebenrolle (was ich wirklich nice finde). Worauf der ganze Quatsch hinausläuft, ist lange unklar und nicht des Spoilerns Wert, denn die Story hat mit der Verschwörungstheorie nicht wirklich viel zu tun, letztere ist eher Mittel zum Zweck, der Hammer, der das Ding irgendwie passend machen soll. Was nicht heißt, dass Dan Brown nicht eine wirklich überraschende Wendung hat zum Schluss, da ist er schon Profi. Oder eben nicht zum Schluss. Irgendwie war der Lektor schon ein bisschen happy über seine Prominenz im Buch, so dass er sich selbst nicht aus den letzten fünfzig Seiten Abspann streichen wollte, die wir, nachdem schon alles klar war, überstehen müssen. Aber vielleicht hat Danny auch darauf bestanden, dass das alles drin bleibt, weil er da nochmal richtig seine Theorien ausbreiten kann. Denn Dan Brown ist, so weit ich das sehe, der einzige Erfolgsautor im Genre, der zu seinen absurden “Entdeckungen” steht und sich nicht dagegen wehrt, wenn Künstler und Werk in einen Topf geworfen werden. Das alles läuft natürlich unter “Anregung, den Status Quo zu überdenken” und ähnlichem Schwurbel (als würden Wissenschaftler das nicht den ganzen f*****g Tag lang machen), und das ist auch OK und war immer harmlos genug, bis es das nicht mehr war, siehe oben. Der zu hinterfragende Status Quo, den er sich in “The Secret of Secrets” herausgesucht hat, ist dankbarerweise ein recht harmloses Stück Pseudoscience. Zusammengefasst lautet seine These: “Die Realität ist nicht wie sie uns erscheint”. No s**t, sherlock. Gefühlt 1/3 aller TED-Talks in den 2010ern drehte sich genau darum. Dan Brown zitiert die üblichen Experimente, nach denen wir z.B. deutlich schneller auf externe Stimuli reagieren, als unser Hirn das eigentlich leisten kann. Er berichtet von den alten Programmen der CIA, in denen man “psychics” für das “remote viewing” züchten wollte, also, ein Medium in Langley verbindet sich mit einem Medium im Kreml und schon weiß LBJ, was Chruschtschow zum Frühstück hat. Er schreckt noch nicht mal vor dem in den 80ern allgegenwärtigen ESP zurück, über das sich schon die brillante TV Serie “The Americans” lustig gemacht hatte. Die Konsequenz aus all dem ist, irgendwie, lest den Humbug bitte selbst, dass wir alle unsterblich sind. Na also! All das wird ausgebreitet hinter einem Vorwort, welches behauptet, das alle im Buch erwähnten Experimente real wären. Nur dass halt die wenigsten davon reproduzierbar sind. Das spielt aber keine Rolle, so Dan Brown, denn die übergreifende Theorie im Buch erkläre ganz wundersam, dass all die Experimente gar nicht nachvollziehbar sein können! In der Wissenschaft nennt man das einen Zirkelschluss. Ich nenne es einen unterhaltsamen, mittelspannenden Pageturner zum Kopfausschalten in schweren, dunklen Zeiten. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com
Die Diskussion: Kuang, Baum, Ishiguro
2025/09/28
(Fast) gerade eben erschienene Bücher finden diesmal in der Nachbesprechung zu den Rezensionen der letzten drei Wochen Lob und Kritik, als da wären: * Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne * Beate Baum: Kunstgerecht * R. F. Kuang: Katabasis This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

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